Ein Wochenende ohne Uhr, Handy oder Tageslicht. 34 Stunden mit fremden Menschen im Theater verbringen. Mehr als vierzig Individuen mit verschiedenen Vorstellungen, Erwartungen, Motivationen kommen am Morgen des 07. Januar im Zuschauerraum der Bühne des Schauspielhauses zusammen, um am Experiment „Zeitgefühl“ des Bürger Ensemble Magdeburg (BEM) zu partizipieren. Nachdem sich alle einen gemütlichen Platz gesucht und ihr Gepäck abgestellt haben, beginnt die Einstimmung mit einer Vielzahl an Redewendungen zur Zeit. Weiter geht es mit den Rahmenbedingungen für das Projekt sowie Verhaltensregeln, um der ganzen Gruppe ein angenehmes und vielfältiges Wochendende zu generieren. Die ganze Erfahrung wird fotografisch und auch mit Videoaufnahmen dokumentiert.

Langsam wird es ernst. Die Abgabe der Zeitanzeiger steht bevor. Der dramatische Trennungsmoment wird untermalt von Celine Dion’s „My heart will go on“. So weit ist es gekommen, dass wir den temporären Abschied von unseren Handys zelebrieren. Aber natürlich ist dieser Augenblick so überspitzt, dass es keinen schmerzt. Viel zu gespannt und neugierig sind die Besucher auf das, was nun kommen mag. Ab diesem Zeitpunkt stehen die Menschen im Vordergrund. Unter dem Motto „Lerne neue Leute kennen – der erste Schritt“, begegnen sich die Unbekannten spielerisch und tauschen per Handshake ihre Namen. Die Stimmung ist locker und die Atmosphäre offen. Namensschilder sollen im weiteren Verlauf das Aufeinanderzugehen unterstützen. Bei der Frage, ob wir wissen wollen, was im Laufe unseres Aufenthaltes alles möglich ist oder ob wir uns überraschen lassen wollen, sind mit ein bisschen feinfühliger Diskussion bald die Kontrollbesessenen überstimmt. Nun nur noch zwei Aufgaben erfüllen, dann lockt Kaffee.

Erstens: Ein beliebiges Wort auf einem Notizzettel niederschreiben und an ein Mitglied des BEM zurückgeben.

Zweitens: Den Grund der Teilnahme bei diesem Experiment verschriftlichen. Gerne auch Wünsche und Ängste notieren. Diese Stellungnahme wird an einer schwarzen Wand für alle sichtbar angehangen und darf während des Projekts verändert bzw. ergänzt werden. Falls die eigenen Intentionen nicht veröffentlicht werden sollen, darf der Kommentar bei der verfassenden Person verbleiben. Was an Erwartungen zu tage tritt, ist verblüffend abwechslungsreich.

Es geht darum Menschen kennenzulernen, sich selbst zu testen, Theater zu spielen, Ruhe zu finden, zu lachen, etwas Einzigartiges zu erleben, die eigene Wahrnehmung zu verändern, eine Verbundenheit mit anderen bzw. sich selbst zu schaffen und herauszufinden, was Zeit mit uns macht.

Mir persönlich ist die Zeit schon nach wenigen Momenten egal, weil ich ohne Termine, nicht an eine Uhr gebunden bin. Die Uhrzeit dient der Übereinkunft mit der Vorstellung anderer Menschen. In dem Moment, da wir uns der Zeit entledigen, sind wir die Verantwortlichen für unser Handeln an diesem Wochenende. Natürlich haben die Mitglieder des BEM ein Programm vorbereitet, doch keiner ist gezwungen daran gänzlich teilzunehmen. Außerdem werden Impulse der Gäste gerne in den Plan integriert. Alle agieren als Teil der Gemeinschaft, dennoch wird versucht, die individuellen Befindlichkeiten wahrzunehmen und in das Konzept von „Zeitgefühl“ zu integrieren. Um dies zu realisieren, erfolgt ein Rundgang, der mit einer Tasse Kaffee oder dem ersten gemeinsamen Gang zur Toilette beendet wird. Grundbedürfnisse befriedigen.

Was machen wir jetzt?

Nachdem die basalen Dinge geklärt sind, darf sich jede/r selber überlegen, wie es weitergehen soll. In den Aufenthaltsräumen werden verschiedene Angebote gemacht: Es gibt Bücher, Puzzle, Spiele, eine Leinwand mit Malutensilien, gemütliche Sitzgelegenheiten, Kostüme, Gesprächspartner und auch Ruheräume. Innerhalb weniger Minuten macht sich Geschäftigkeit breit. Der erste Konflikt, mit dem ich mich auseinandersetzen muss, ist das Verhängnis eines ständigen Buffets. Ein Problem, das ich nicht berücksichtigt habe, mit dem ich aber doch relativ schnell klarkomme. Selbstbeherrschung ist also möglich und nötig. Auch in Anbetracht dessen, dass wir den Weg zur Toilette immer in Begleitung antreten, um nicht einen Blick aus dem Fenster zu werfen oder uns in den Gängen des Schauspielhauses zu verirren.

Apropos Theater: Zu den Programmangeboten des BEM gehört eine szenische Lesung mit Ansätzen des Spiels unter Anleitung eines Regisseurs mit Potential. Oder: Herbert Beesten zeigt Interessierten, wie Schauspieler arbeiten und später auch, wie der Unterschied zur Arbeitsweise des BEM aussieht. Auf dem Plan steht Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Nach anfänglichem Zögern finden sich mutige Menschen, die den unbekannten Text versuchen wollen, spielerisch umzusetzen. Das Publikum beobachtet gespannt das Mienenspiel der Bronzefigur, die Bändigung des Teppichs durch den Regie-Assistenten sowie die Darbietung der Geschichte.

Applaus, Gelächter, Unterhaltung, die vergessen macht, dass sich die Menschen in diesem Raum erst seit wenigen Momenten kennen. Es herrscht ein vertrauensvoll, respektvoller Umgang. Niemand wird ausgelacht, es existiert ein Experimentierraum, wo für alle die gleichen Ausgangsbedingungen herrschen und alle auf derselben Ebene agieren.

Bei den folgenden Lockerungsübungen für Körper und Geist finden sich wieder alle auf der Bühne ein. Wir bewegen uns in verschiedenen Geschwindigkeiten, erleben den Raum, begegnen den Menschen (vielleicht hat man sich ja doch den ein oder anderen Namen schon gemerkt), denken uns in verschiedene Situationen, erweitern unser Bewusstsein.

Genau dafür werde ich die Zeit an diesem Wochenende nutzen. Gedanken zum Schwingen bringen, aus ihrer Starre lösen, Ordnung herstellen für mich bzw. in mir, um Dinge voranzubringen. Ich habe mir zwar Dokumente mitgenommen und Literatur, zum Zeitvertreib, doch bald merke ich, dass die Atmosphäre trotz der fremden Menschen einlädt, sich mit seinem Innersten zu befassen. Während die Bühne in spärliches Licht von Taschenlampen getaucht ist und sich einige mit Notizbüchern bewaffnet dem nächsten kleinen Projekt „Die Lebenskurve – Der rote Faden deines Lebens“ widmen, bin auch ich bereit, mich mit essentiellen Lebensfragen auseinanderzusetzen. Während ich mich mit meiner Vorstellung von einem glücklichen Dasein beschäftige, stellt sich ein wohliges Gefühl ein, Zuversicht breitet sich aus.

Da ich mich bereits zu Hause entschlossen habe, alle Zeit hinter mir zu lassen, bin ich ohne Kamera hier und gezwungen, alle Erfahrungen mittels Sprache zu formulieren (Zeichnen wäre noch eine Möglichkeit, aber da bin ich nicht so gut…). Während ich vor mich hin sinniere, nutzen viele diese ruhigen Momente und gönnen sich ein Schläfchen.

Später werden wir noch in der Kunst des QiGong unterrichtet, es wird turbulent und musikalisch beim Schattenratespiel mit Saxophon-Begleitung bzw. dramatisch, wenn „Romeo & Julia“ ohne Sprache, aber mit Verkleidung und Begeisterung neuinterpretiert wird. Es folgen weitere 24 Stunden voller Neugier, Spannung, Überraschung, Party, Inspiration, Kreativität, Vertrauen, Offenheit und Glück. Dafür sind die Besucher u.a. aus Magdeburg, Leipzig, Erfurt und Wanzleben angereist. Das BEM hat mit „Zeitgefühl“ ein Camping-Erlebnis der Extraklasse geschaffen, das von der Zuversicht der Teilnehmer lebt und nur durch den respektvollen Umgang miteinander einen Mehrwert für den einzelnen schaffen kann.

Danke für ein wunderbares Erlebnis.

About Lydia Flössel

Lydia ist immer dabei, wenn es um Theater geht. Und Literatur. Und Musik. Und Kino. Kultur ist ein wichtiger Teil ihres Lebens und sie hat durch Magdeboogie die Chance bekommen, darüber zu schreiben. Gern hilft sie auch beim Abtippen von Interviews und ist mit Leidenschaft dabei, wenn es um die Frage geht: “Und wer bereitet das Protokoll für das nächste Redaktionstreffen vor?”.

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