modem39, Label, Magdeburg

Immer mehr Menschen machen selbst Musik. Doch nur wenige gehen damit an die Öffentlichkeit, ist dies doch mit einem großen Aufwand verbunden. Ein paar Magdeburger Jungs haben jetzt dennoch den Schritt gewagt. Sie und ihr Projekt möchten wir euch heute vorstellen.

Heute sind wir hier zum kleinen Interview mit MODEM:39. Passend dazu haben wir einen Ort ausgewählt, an dem es eure Platte und eure Produkte auch zu kaufen gibt, aber erzählt doch mal: Was bedeutet der Name “MODEM:39” und wer steckt dahinter?

Marcel: Unser Label MODEM:39 versteht sich als Kommunikations- und Musikplattform, die Musik auf analoge und digitale Tonträger veröffentlicht, publiziert und in erster Linie eigene Artists und eigene Leute fördert.

Oliver: Ja, also Kommunikationsplattform in dem Sinne, dass wir die Künstler, mit denen wir zusammen arbeiten, vorrangig aus dem Umfeld und Bezirk 39 auswählen, was aber nicht heißt, dass andere Künstler nicht auch dabei sind, aber dass es erstmal darum geht unsere musikalische Heimat nach vorne zu bringen. “Modem” als Schnittstelle und Kommunikationsplattform für Musik im elektronischen Bereich bzw. einfach Musik, die uns gefällt. Dahinter stehen als Label-Gründer Marcel Lentges, Matthias Wolff alias Wolle und Oliver Heine. Hinzu kommt Tim Höhne der für das komplette Label-Design verantwortlich ist. Wir wollen qualitative, gute Musik rausbringen und Künstler, die noch keine Plattform haben unterstützen.

Ihr schreibt auf eurer Internet-Seite, dass ihr einen sehr starken Fokus auf Freundschaft legt. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?

Oliver: Ich kenne Wolle schon ziemlich lange. Wir haben uns damals in Schönebeck im Barfly kennengelernt. Marcel lernte ich durch die Zusammenarbeit mit Button Beats kennen, welche durch das Mitwirken beim “Zuhause im Freien Festival” im Jahre 2015 intensiver geworden ist.

Marcel: Beim “Zuhause im Freien” haben wir auch immer mehr musikalisch zusammen gearbeitet. Darauf aufbauend entstand Mitte 2016 die Idee, ein Label zu gründen. Wolle und Olli hatten schon Erfahrung mit einem eigenen Label. Wir waren diesbezüglich auf derselben Wellenlänge. Freundschaft beschreibt einfach unsere Basis. Ohne Freundschaft würde es auch nicht funktionieren.

 

 

Die Künstler, die ihr “vermarktet” bzw. denen Ihr eine Plattform bieten wollt, sind die auch aus eurem Freundeskreis?

Oliver: Das ist die Sache mit dem Modem, der Kommunikation. Marcel und Wolle sind ein wenig kommunikativer und suchen das Gespräch mit den Leuten aus dem Magdeburger Umfeld. Wenn sie mit den Menschen ins Reden kommen, fällt auf, wie viele sich mit Musik beschäftigen. Durch den Austausch lernt man sich kennen und oft die Musik zu schätzen und wird überrascht sein, was da an Potential besteht. Es gibt natürlich auch Leute, von denen man weiß, dass sie Musik machen und dies ist im Hinterkopf gespeichert. Jene Leute werden jetzt akquiriert bzw. wir informieren uns über deren aktuellen Stand, was die musikalischen Aktivitäten betrifft.

Marcel: Das ist bei ganz vielen in Magdeburg so, so war es auch bei Tommes. Manche Menschen muss man motivieren und fördern, weil ihnen oft der Antrieb aus sich heraus fehlt. Das sehe ich für mich als wichtige Aufgabe, die Menschen zu kitzeln, damit sie sich was trauen.

Oliver: Es gibt viele, die machen Musik aus dem eigenen Bedürfnis heraus, Musik zu machen. Nicht unbedingt mit dem Ziel der Veröffentlichung, sondern um produktiv zu sein. Da setzen wir an und bieten eine Schnittstelle, damit die Künstler in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Ihr habt angeschnitten, dass ihr zuvor schon ein Label gegründet habt. Wie ist die Idee zu MODEM:39 entstanden und der Wille, ein eigenes Label zu gründen? Ist das eine Folgeerscheinung, von dem was war oder ist es ein neuer Ansatz?

Oliver: Das damalige Label Mutter Records ist aus dem Umfeld der Kunstkantine entstanden. Es hat sich aufgrund des fehlenden Elans ein wenig verlaufen und ist dann eingeschlafen. Wolle und ich sind vom alten Kern. Ich übernehme meistens administrative bzw. bürokratische Aufgaben. Die Gruppe, die wir jetzt sind, verspricht eine kontinuierlichere Zusammenarbeit, weil vor allem Wolle und Marcel das Projekt nach vorne treiben. So ein Label benötigt Leute, die für die verschiedenen Zuständigkeiten Verantwortung übernehmen.

Marcel: MDM:39 ist schon eine neue Idee, die sich nicht mit dem früheren Label vergleichen lässt, denke ich.

Könnt ihr kurz anreißen, was die Arbeit eines Labels beinhaltet? Es ist eine Plattform mittels derer Musik in die Öffentlichkeit gebracht werden kann, aber vielen ist wahrscheinlich nicht geläufig, was dahinter steckt.

Oliver: Zu allererst, eine Administration umfasst auch Buchhaltung. So ein Label ist auf jeden Fall etwas geschäftliches bzw. agiert nicht nur ideell, sondern auch wirtschaftlich.

Marcel: Und dann geht’s natürlich auch darum, dass du Menschen findest, von denen du überzeugt bist. Ein Label ist ein freundschaftlicher Zusammenschluss. Wie ein Major-Label würde ich nicht arbeiten wollen, wo du den Zwang hast, bestimmte Personen zu verpflichten. Ich will von den Leuten sowohl menschlich als auch musikalisch überzeugt sein. Menschenfindung und dann auch Musikfindung. Wichtig ist eine gemeinsame Linie. Das gilt für die Teamarbeit, aber auch für die Arbeit mit den Musikern. Das hat eine Weile gedauert, ehe wir uns einig waren, was wir machen und in welche Richtung wir mit dem Label gehen wollen.

Oliver: Genau, die Künstlerakquise, wie auch immer die abläuft. Über Freunde oder man hört mal was und schreibt Künstler an, wie das Interesse bzgl. Veröffentlichung aussieht. Das ist das eine. Andererseits muss die Musik dann vorbereitet werden für die Veröffentlichung, z.B. Feinarbeiten wie Mastering. Es gibt einige Schritte zu bewältigen auf dem Weg der Musikproduktion: Vinyl-Presswerk, Freigabe, Digitalveröffentlichung, Vertriebsabsprachen, Marketing sprich Werbung. Das ist das, was wir als Label machen: Musik suchen, Musik vermarkten. Dabei geht es nicht um den puren Kapitalismus, sondern primär um die Verbreitung und Veröffentlichung der Musik. Der Künstler soll eine Plattform erhalten, wo er vorgestellt wird und über die eine Kontaktaufnahme möglich ist. So kann er z. B. gebucht werden.

Übernehmt ihr dann auch das Booking?

Marcel: Ja es ist definitiv angedacht, auch auf unserer Webpage, als Agentur für unsere aktuellen Label-Artists Eros Miguel, Tommes, DJ Tork, Marcel Lentges & Lorenz Kraach zu arbeiten.

Wie würdet ihr euch stilistisch einordnen? Elektronische Musik fiel bereits als Schlagwort.

Marcel: Elektronisch und auch experimentell. Wir sind generell sehr offen für neue Sounds und Ideen. Aber hauptsächlich sind wir schon im elektronischen Bereich angesiedelt. Nur der ist eben so vielfältig, dass sich fast alle Genres darunter vereinen lassen. Vom Down-Tempo über Breaks & House, vielleicht auch mal etwas Indie-Pop, bis hin zum Techno. Nur in den Rock werden wir wohl nicht abdriften.

Oliver: Prämisse ist, dass wir die Musik gut finden. Andererseits steht elektronische Musik als Aushängeschild, weil viele Sachen heutzutage, die allein produziert wurden, also nicht mit Bandkontext, meist über den Computer bzw. Elektronik läuft. Beim klassischen Hip Hop, den wir erstmal noch nicht so im Release-Plan haben, ist es manchmal so. Auf der Platte von Tommes gibt es einen ruhigeren Down-Beat Track, der für uns auch zur elektronischen Musik zählt, weil er elektronisch produziert wurde. Eros ist ein Künstler von uns, der spielt viel mit Gitarre ein. Das klassische Bandformat mit Schlagzeug, Bass, Gitarre wird bei uns wohl nicht vorkommen.

 

MDM39-001 @ soultunes
MDM39-001 @ soultunes

Welche Rolle spielt MODEM:39 in eurem Alltag? Habt ihr noch andere (musikalische) Projekte? Oder ist das nur ein Hobby nebenbei?

Marcel: Nebenbei auf keinen Fall. In meinem Kopf ist es beinah immer. Aber ja, es ist eine Leidenschaft/Hobby.

Oliver: Die Musikproduktion heutzutage ist an Geld geknüpft und in dem Sinne ist es eine Leidenschaft, weil es keine Verdienstquelle darstellt. Wir sind zwar in einer GbR um das Label verortet, um das geschäftsfähig zu haben, aber dass ich als Selbständiger sagen würde: Ich seh meine finanzielle Zukunft darin, das wäre im Moment ein bisschen übertrieben. Ziel ist, dass die Leidenschaft sich selber trägt mit Engagement für die Sache an sich. Ich hab auch andere Dinge zu tun, ob Konzerte abmischen, Fahrradladen betreiben. Das spielt alles eine Rolle, aber das Label hat auch einen großen Stellenwert.

Marcel: Ich finde, als Musikliebhaber ist es was ganz Großes, wenn man eigene Musik oder von Freunden, die man gut findet und feiert, rausbringen kann. Ein kleiner Traum, den man jahrelang hat(te). Das ist Leidenschaft, die Freude darüber. Für mich spielt da Geld eine kleinere Rolle, aber man darf es nicht aus den Augen verlieren und muss das große Ganze bedenken.

Nennt mir doch bitte noch 3 Gründe dafür, das Label in Magdeburg anzusiedeln!

Alle: Elbe, Familie und die Herausforderung, Magdeburg kulturell zu erweitern.

Habt ihr denn (musikalische) Lieblingsplätze in der Stadt?

Alle: Als Lieblingsplätze würden wir geschlossen die Datsche und Kunstkantine nennen, weitere Clubs die wir schätzen sind der Geheimclub und die Insel der Jugend. Daneben sind es vor allem die Plätze, wie ein Park, wo man was entstehen lassen kann. Wo es immer auch Leute gibt, die mit viel Leidenschaft versuchen, diese Orte zu füllen und dort auch Musik zu machen. Natur gibt
es relativ viel in Magdeburg. Das Wolkenkuckuckshain ist auch ein Ort, in den wir uns damals verliebt haben.

Vielleicht noch ein Blick in die Zukunft: Wohin wollt ihr mit dem Label? Was ist eure Vision? Was steht als nächstes an?

Marcel: Magdeburg nach vorne bringen, die Magdeburger Szene ein bisschen erweitern, die Leute aufwecken, also ein tiefgründiges Interesse an Musik wecken bzw. eine intensivere Beschäftigung damit fördern. Das wäre so ein Ziel meines persönlichen Künstlerseins. Ich nehm’ auch gern die Dinge wie sie kommen, aber Ziele sind schon geil. Zum Beispiel Kontinuität reinbringen, dass man stetig wächst, regional & überregional. Das ist wohl von uns dreien der gemeinsame Plan. Es gibt aufgrund der Erfahrungen schon einige Verbindungen, Kontakte und somit Möglichkeiten.

Oliver: Ziel ist es, am Ball zu bleiben. Stetig veröffentlichen und durch diese Kontinuität die Selbständigkeit des Labels erreichen. Das Label nicht unbedingt als Einnahmequelle, aber selbsttragend.

Marcel: Davon zu dritt zu leben, vor allem im reinen Indie Vinyl-Label Bereich, ist beinah utopisch. Da bräuchte es so große Künstler, dass wir in die 1.000er Auflagen kommen. Das hat man heutzutage nur bei großen Hip-Hop Vinyl-Alben. Was bleibt ist die Freude an der Sache.

Das nächste Projekt wird der erste Label-Sampler sein. Wir freuen uns Freunde & talentierte Menschen mit an Bord zu haben, von denen wir überzeugt sind. Es sind 10 Tracks von 10 verschiedenen Künstlern aus dem 39er Umfeld. Am 22.12.2017 ist Pre-Release exklusiv bei Beatport. Und den Sampler gibts dann ab 05.01.2018 in allen großen Digital-Shops. Wir sind sehr froh, dass wir das Ding mit dem Pre-Release noch vor Weihnachten raushauen können, denn die Planungen für 2018 sind auch schon weit. Ich verrate schonmal soviel, die MDM39-003 wird ein erneutes Solo-Werk.

 

Interview: Natti

Text support von Laura & Ly <3

About Nadia Boltes

Nadia hat schon in der 7. Klasse Partytipps per SMS an alle ihre Freund*innen verschickt. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Drahtesel durch die Stadt radelt, um die nächsten Hotspots zu entdecken, trifft und interviewt sie für uns regelmäßig interessante Magdeburger*innen in spannenden Stadtteilen. Als Redaktionsmama hat sie immer ein offenes Ohr und eine (äußerst bequeme) Schulter zum anlehnen. Wäre sie nicht zufällig in Magdeboogie gelandet, würde sie entweder als UN-Frauenbotschafterin die Welt bereisen oder eine GIF-Website betreiben.

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