Elf Jahre Bass, Familie und Magdeburger Herzblut

Über zehn Jahre sind im Nachtleben kein Jubiläum, sondern ein Statement. Während Crews kommen und gehen, Räume verschwinden und Szenen sich neu sortieren, hält sich Droplegs Bushfire hartnäckig in Magdeburg. Nicht als Marke, sondern als Kollektiv, nicht als Nostalgieprojekt, sondern als laufender Prozess. Zwischen Drum’n’Bass, Haltung und Do-it-yourself hat sich über ein Jahrzehnt etwas aufgebaut, das mehr ist als eine Partyreihe. Zeit, nicht zurückzuschauen, sondern genau hinzuhören. Wir sprechen mit Georg, einem der Beteiligten am Projekt Droplegs Bushfire:

Zehn +1 Jahre Droplegs Bushfire. Was ist heute anders als am Anfang – nicht nur musikalisch, sondern menschlich?

Puhhh… gute Frage. Also wenn wir intern rangehen, hat sich eigentlich nicht viel verändert. Droplegs Bushfire basiert immer noch auf dem Wunsch, eine Party zu schmeißen und uns und anderen einen schönen Abend zu machen. Wir sind im Grunde nach wie vor ein Haufen DJs, welche neben anderen Musikrichtungen auf Drum and Bass stehen und diesen laut spielen wollen, um den Sound anderen näherzubringen.

Ist schon geiler, anstelle in einer WG mit 20 Leuten zu feiern lieber mit 250 – und alle haben ordentlich verschwitzte Klamotten und ein Grinsen im Gesicht.

Natürlich stellt sich eine gewisse Routine ein, aber dafür gibt es neue motivierte Köpfe, die den Spirit vom Anfang weitertragen. In meinem Fall hat sich aber nicht viel geändert: guter Sound, gute Menschen aus allen kleinen Subgruppen in Magdeburg und ’ne gute Party mit der über Jahre gewachsenen Familie.

Wann war euch zum ersten Mal klar, dass das hier mehr wird als eine Reihe guter Nächte – wir gründen ein Kollektiv?

Naja, wir müssen mal die Kirche im Dorf lassen – Kollektiv hört sich immer nach straffer Orga und vielen Menschen an. Im Grunde sind wir vielleicht drei, vier Leute, die das Ganze organisieren, und dann gibt’s drumherum einfach Menschen, die Bock haben zu helfen oder die Veranstaltungen lieben gelernt haben und gern dabei sind.

Natürlich funktioniert das alles nicht nur mit Luft und Liebe, und zum Glück können wir dank Felix, der auch im Vorstand des Kultur Hafen e.V.engagiert ist, auf den Verein und dessen Strukturen zurückgreifen. Droplegs ist also eher so ein kleiner gutartiger Parasit, der am Hafen klebt – man profitiert gegenseitig voneinander.

Angefangen haben wir mit Martin Gerth aka Visual Noise Artworx, welcher jetzt den Hyperraum macht. Das hat sich aber irgendwann vor Covid auseinandergelebt.

Was bedeutet Drum’n’Bass für dich  jenseits von Tempo und Bassdruck?

Drum and Bass ist eine hochenergetische Musikrichtung, geboren aus UK Hardcore und Jungle der 90er Jahre. Für mich ist es eine Musikrichtung, bei der man nicht stillstehen kann. Es fordert dich auf zu tanzen oder es sein zu lassen – du kannst dich bewegen, wie du willst, Hauptsache du bist bereit, die Kontrolle abzugeben und die Musik führen zu lassen.

Drum and Bass basiert viel auf gebrochenen Beats und lässt dich nicht in einen gleichbleibenden tranceähnlichen Zustand wie Techno oder in einen Arschwackelmodus wie House verfallen. Es packt dich, schlägt Haken und ballert deinen Kopf mit so vielen Informationen zu, dass das Hirn automatisch abschaltet – und dann bist du frei.

Irgendwann fragst du dich, warum deine Klamotten so nass sind und warum gerade das Licht angegangen ist. Kann ich nur jedem ADHSler empfehlen.

Wie sehr hat euch Magdeburg deiner Meinung nach geprägt und wie sehr habt ihr die Stadt selbst mitgeprägt?

Uff… neben vielen persönlichen Erfahrungen, die in meiner und Plaschuniques Zeit noch vor Magdeburg stattfanden, war auf MD bezogen die Sackfabrik ein großer Punkt auf der Liste.

Anfang der 2000er gab es hier schon ein paar kaputte DnB-Freaks, welche regelmäßig in Rothensee in der Sacke Sessions gemacht haben. Unter anderem auch einer der Betreiber, welcher selbst Fan war und somit überhaupt erst den Raum dafür geschaffen hat. Grüße gehen raus an Danny von der Sacke!

Wir haben davon mitbekommen, da wir auch schon zu den Techno-Partys in die Sackfabrik gefahren sind – und dann eben auch zu den DnB-Abenden. Da das Publikum recht überschaubar war, ist man mit den Leuten schnell in Kontakt gekommen. Grüße gehen raus an Stereorauschen, Hidden Sickness, Choleric MC und Siebenschläfer.

Die Stadt selbst haben wir vor allem durch Konsistenz geprägt. Ob als Gäste in der Sackfabrik oder später mit Urban Junk Yard und der darauf folgenden Droplegs-Bushfire-Geschichte – wir waren im Kern einfach immer da. Leute sind gekommen und gegangen, aber ich glaube, Plaschi und ich sind seit all den Jahren genau die, die immer noch hier stehen.

Magdeburg hatte nie eine große DnB-Szene, wir konnten uns nie leisten, große Namen zu buchen – das gibt die Stadt nicht her. Aber wir sind geblieben, haben eine Familie um uns gescharrt und scheinbar immer noch Bock. Manche DJs, zu denen wir damals getanzt haben, spielen heute noch auf unseren Partys.

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Hätte Droplegs Bushfire in einer größeren Stadt genauso entstehen können?

Na sichi. Alles, was es braucht, ist eine Handvoll geltungsgeiler DJs, die Bock haben, ihre Musik laut zu hören, ein paar Kaputte, die das auch wollen, aber nicht auflegen, einen gewissen Idealismus, lustige Werbevideos und Grafiken und einen offenen Clubbetreiber, der uns in seine Location lässt.

Achso, und noch ein Ei, vier Zigaretten, eine Ibuprofen, dazu ein Rosinenbrötchen mit Leberwurst – und dann kommt Bier ins Spiel.

Was braucht ein Raum in Magdeburg, damit er für euch als Droplegs-Location funktioniert – technisch, menschlich, politisch?

Hö hö… wenigstens eine Anlage, eine Bar, Blinki-Blinki-Lampen und ’ne linke Einstellung.

Tatsächlich sind wir da recht genügsam. Über die Jahre hat sich bei uns einfach die Kunstkantine als Wohlfühl-Location etabliert. Für uns ist es extrem unkompliziert, dort eine Veranstaltung zu machen. Wir kennen die Leute seit Jahren, sind befreundet oder haben schon an anderen Stellen zusammengearbeitet.

Die Location ist für viele gleich um die Ecke und auch außerhalb von Droplegs ein Stammladen. Wir sind da recht heimscheißermäßig unterwegs. Vielleicht wollen die jüngeren Neuzugänge irgendwann auch mal andere Locations ausprobieren. Mal sehen – so viel Auswahl gibt’s in Magdeburg ja eh nicht. Im Endeffekt fühlen wir uns da wohl, wo wir gerade sind, aber natürlich will man auch mal fremdgehen.

Gibt es Orte, die verschwunden sind und dir fehlen?

Für uns Urgesteine fehlt natürlich die Sackfabrik mit ihrer rauen, puren Atmosphäre. Alte Fabrikhalle, geprägt von Punkkonzerten und Techno-Partys in einer Zeit, die noch wilder war als das, was heute Szene in Magdeburg ist.

Es fehlt auch die Weinwirtschaft Grün in Stadtfeld, wo die ersten Droplegs-Partys stattgefunden haben. Sehr klein und intim, 3 Euro Eintritt und einfach nur Menschen mit richtig Bock. Ich kann mich an keinen schlechten Abend erinnern – immer voll, immer Abfahrt, immer gute Laune. Quasi wie eine WG-Party mit 150 Leuten.

Auf Drum and Bass bezogen fehlen auch Freiräume wie Aerosol Arena in Rothensee oder legendäre Hauspartys in leerstehenden Immobilien von Noise – Orte, wo alles weniger durchgetaktet war und nicht mit großem finanziellen Aufwand verbunden.

Wie organisiert ihr euch als Kollektiv konkret, wenn Entscheidungen anstehen? Wie viele Leute seid ihr und wer übernimmt welche Aufgaben?

Wie erwähnt sind wir eine Handvoll Köpfe, in der jeder seine Aufgaben willentlich akzeptiert hat. Meist wird digital kommuniziert oder man trifft sich eh bei ganz anderen Anlässen.

Felix macht eigentlich die ganze Einlass- und – wenn man so will – Management-des-Abends-Geschichte. Das Gute an Felix ist, dass er derjenige ist, er die Strukturen, die da sind sinnvoll nutzt und auch mal Druck wegen neuer Termine macht.

Plaschi hat sehr lange das Booking gemacht, bis ich mich da auch noch eingemischt habe und er nicht gemeckert hat. Tja, und das drücke ich jetzt alles etwas Lukas aka DerDude auf, weil er der hochmotivierte junge unter den Köpfen ist und da weiter reinwachsen soll und will. Er ist gerade so der präsenteste DJ von uns und kümmert sich auch viel um seine eigene DJ-Karriere. Somit trägt er mit seinen Gigs die Crew mit, basiert aber gleichzeitig auf dem bereits Erreichten von Droplegs. Hat gerade ’ne ganz gute Dynamik der Jung – ein echtes Kind des Hauses, das uns Ollen hinter sich herzieht.

Ich, aka Linse oder Stumbleton, mache den ganzen Werbebabel, also Marketing, wenn man so will: Grafiken basteln, lustige Videos ausdenken und schneiden und am Abend dann jedem die Hand schütteln und mich darüber freuen, dass er da ist.

© Alexander Fricke

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Beim „Zurück zu den Wurzeln Festival“ kuratiert ihr mit dem Kultur Hafen e.V. einen eigenen Floor. Wie kam es dazu und was läuft hier anders als im Club?

Wie schon erwähnt sind unsere Verbindungen zum Kultur Hafen e.V. auch privat gewachsen. Parallel zu Droplegs Bushfire gab es Zusammenarbeit im Reggae-Bereich, das war vermutlich der Ursprung.

Felix hat den Floor von einem Freund aus Berlin übernommen und mich mit ins Boot geholt. Der Floor war konzeptionell an keinen Stil vom Festival gebunden – Felix konnte seine Reggae-Vorliebe ausleben und ich die Drum-and-Bass-Seite. Vor Ort haben sich dann die Bases beider Lager getroffen: Kultur Hafen und Droplegs, und daraus entstand ganz natürlich eine Symbiose.

Der Hauptunterschied zum Club ist der Maßstab. Alles ist größer, es gibt mehr kreativen Freiraum, anderes Budget, und man kann baulich Dinge umsetzen, die im Club nicht realistisch wären.

Außerdem fühlt sich das immer wie Klassenfahrt an: mehrere Wochen vor Ort, zusammen arbeiten, essen, leben, verrückte Ideen entwickeln, abends am Feuer sitzen. Keiner geht mit Geld nach Hause – es ist wie Droplegs, nur in größer.

Kurz gesagt: mehr Stress, mehr Verantwortung – aber auch mehr Outcome. Fürs Publikum und für uns, um dem Alltag mal richtig zu entfliehen.

Nach zehn Jahren habt ihr viel gesehen. Nach welchen Kriterien bucht ihr heute Artists?

Die Basis sind nach wie vor Leute aus dem eigenen Dunstkreis, der über Jahre gewachsen ist. Weder Budget noch Markt geben in Magdeburg das Buchen „richtiger“ Drum-and-Bass-Artists her. Wenn wir mal etwas fettere Namen am Start haben, sind das meist Leute, die wir kennen oder im Zuge von Partys kennengelernt haben, auf denen wir selbst gespielt haben – oder eben durch den Floor auf dem Wurzelfestival.

Vom Sound her buchen wir meist eine Mischung aus persönlichem Geschmack und der Erfahrung, was in Magdeburg funktioniert. Das heißt: Bei uns wird’s nie quietsche Kaugummi-DnB geben oder den technischsten Minimalismus. Nicht, weil wir das vielleicht nicht auch feiern würden, sondern weil es hier einfach nicht funktioniert. Wurde schon probiert – Magdeburg möchte gern Neurofunk oder ähnlich treibendes Zeug um die Ohren gehauen bekommen. Wir bauen natürlich viele Styles ein aber manchmal ist das etwas schwierig.

Was reizt dich mehr: große Namen nach Magdeburg zu holen oder unbekannten Artists hier eine Bühne zu geben?

Ist ja teilweise schon vorher beantwortet. Klar wären fette UK-Artists oder große Namen nice, aber die kosten halt.

So ein kleiner Bedroom-DJ, wie wir es teilweise selbst waren, hat dagegen oft eine ganz andere Motivation, freut sich wie ein Kullerkeks, im Club spielen zu dürfen, und will dementsprechend auch performen – statt einfach sein Standardset für die nächste Clubtour runterzurattern.

Also menschlich lieber unbekannte Artists und Nachwuchsförderung, aber auch gern große Acts – bloß eben meist unrealistisch in Magdeburg.

Wie hat sich euer Publikum deiner Meinung nach über die Jahre verändert?

Eigentlich nicht viel. Es ist natürlich erwachsener geworden, und manche aus der wilden Zeit kommen weniger, wegen Familie und mehr Verantwortung. Insgesamt sind es auch weniger Menschen geworden, aber das ist überall so nach Covid.

Wir haben trotzdem relativ konstante Gästezahlen, weil wir immer vom Faktor Familie profitieren. Ich kenne jeden zweiten auf den Partys über die Jahre auf irgendeine Art, und das macht mich ehrlich glücklich, weil es sich für mich wie ein Familientreffen anfühlt.

Zum Glück wächst bei uns langsam auch eine nächste Generation heran, egal ob DJs oder die damit verbundenen Freundeskreise und Gäste. Die Art des Publikums ist gut gemischt: viele aus Skate-, Hip-Hop-, BMX- oder Metal-Ecken, dazu ein paar Psytrance-Hippies. Auch das Frauen-Männer-Verhältnis ist ausgewogen, was die Atmosphäre sehr angenehm macht. Bei uns soll sich jede*r willkommen und wohlfühlen.

Merkst du einen Generationenwechsel auf dem Floor – und was macht der mit der Atmosphäre?

Wie beschrieben rutschen langsam junge Leute nach, die allerdings stark vom Techno der letzten Jahre geprägt sind. Auf mich als Mensch, der seit über 25 Jahren unzählige Partys erlebt hat – als DJ oder Veranstalter – wirkt es so, als wäre die jüngere Generation kontrollierter und vorsichtiger, was das Ausleben auf der Tanzfläche angeht.

Die älteren Generationen waren wilder und haben mehr losgelassen. Heute sind die Leute entweder zu alt oder durch Social-Media-Techno-Moves so eingeschränkt in ihren Bewegungen, dass mir manchmal dieses komplette Ausrasten fehlt. Klar, Weltlage und Zukunftsperspektiven machen’s der neuen Generation nicht leichter, frei zu feiern – schöner wäre es trotzdem.

Das soll kein Techno-Bashing oder Kritik an jungen Leuten sein, aber ich erinnere mich an Zeiten, wo man die Wände hochgegangen ist, und heute habe ich manchmal das Gefühl, dass sich alle gleich bewegen.

Welche Rolle spielt Verantwortung im Nachtleben für euch?

Das Gute an Droplegs-Bushfire-Partys ist – genauso wie früher bei Urban Junk Yard oder in der Sackfabrik – dass sich die Leute deutlich mehr benehmen als auf vielen anderen Partys. In all den Jahren sind mir kaum Übergriffe oder übermäßiger Konsum zu Ohren gekommen. Ich denke, Drum and Bass lässt den Körper durch das viele Tanzen den Konsum schneller verarbeiten – oder unser Publikum konsumiert einfach weniger, weil es nicht deren Style ist. Bei Techno-Sessions sieht das aus meiner Erfahrung oft anders aus. Deshalb ist das Thema bei uns nicht so präsent, weil es (klopf auf Holz) bisher nicht nötig war, eine Awareness-Gang patrouillieren zu lassen. Das beruhigt mich sehr, weil ich auf anderen Veranstaltungen schon ganz andere Geschichten erlebt oder gehört habe.

Wie geht ihr mit dem Spagat zwischen Ehrenamt, Selbstausbeutung und finanzieller Realität um?

Pah… am Anfang hat man noch den Gedanken, dass man durch die Veranstaltung irgendwie sein Einkommen verbessern oder mögliche technische Investitionen stemmen könnte. Vielleicht ginge das, wenn man seine eigene Location hätte – die man ja aber auch erst mal finanzieren müsste.

Die Veranstaltung lebt eigentlich nur vom Idealismus und vom Bock der Beteiligten. Das Geld, was am Ende in die eigenen Taschen oder ins Projekt wandert, steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Man gewöhnt sich dran oder geht von vornherein mit null finanzieller Erwartung ran.

Wir machen das alles für uns, für euch, für eine gute Zeit. Ich persönlich versuche einfach, meinen weirden Humor und Bullshit über die Bewerbung der Veranstaltung auszuleben, um mir irgendwie zu rechtfertigen, warum ich solche Videos mache und Zeit reinstecke. Wie die anderen copen, weiß ich nicht.

Auch in Magdeburg kämpfen Clubs und Veranstalter mit sinkenden Besucherzahlen. Was muss sich aus deiner Sicht im Nachtleben ändern?

Klingt jetzt etwas platt, aber: Freiheit und Persönlichkeit.

Ich finde, allen Clubs – außer zum Beispiel dem Hyperraum oder dem MAW – fehlen dunkle Ecken, wo sich Menschen zurückziehen können und man nicht entweder vor der Bar oder auf dem Floor steht. Bereiche, wo man sich etwas unbeobachtet fühlt, denn Party war für mich immer auch Connecten: mit Menschen ins Gespräch kommen, abhängen, ohne dass sich ständig jemand an dir vorbeischiebt, der Kühlschrank der Bar blendet oder die Musik jede Unterhaltung killt.

Kleine sichere Inseln, wo ab und zu mal der Türsteher reinschaut, damit keiner abschmiert – sowas fehlt mir.

Mit Persönlichkeit meine ich außerdem, dass du Leute brauchst, die den Club repräsentieren, gern auch rumlaufen und mit Gästen reden – wie Botschafter für den Laden. Das können auch coole Menschen an der Bar sein. Außerdem darf sich ein Club nicht hohl anfühlen, sondern sollte viele kleine Sachen zum Entdecken haben. Frithjof von der Kunstkantine ist ebenso Grafiker und hat ganz viel Bilder und Kram im Laden hängen – das gibt dem Ort Charakter. Die Insel der Jugend macht das ähnlich mit zusammengewürfelten Möbeln und Wohnzimmerkram.

Musikalisch wünsche ich mir mehr Mut und Eigenständigkeit, aber das hängt natürlich an der Finanzierung. Viele spielen das, was gerade funktioniert, weil Experimente bei geringen Gästezahlen riskant sind. In Magdeburg braucht man einen sehr langen Atem, um eine Musikrichtung zu etablieren. Wir sind Technostadt und gefühlt nur Durchgangsstation – viele studieren hier und ziehen weiter.

Musikalisch hängen wir vielen Städten hinterher. Bis Sachen hier ankommen, sind sie woanders schon wieder durchgespielt. Das liegt am Markt und betrifft Clubs, Gäste und Behörden gleichermaßen.

Kleine Anekdote: Ich bin selbst totaler UK-Garage-Digger, aber der Sound hat hier ewig niemanden gekratzt. Dann kam die Yasta Crew um Dante und hat UKG-Partys gemacht. Ich hab mich wie ein Honigkuchenpferd gefreut. In Gesprächen kam aber raus, dass sie strugglen, weil viele nicht drauf klarkommen und man immer wieder Techno-Edits einbauen muss, damit die Leute etwas hören, was sie kennen.

Wir brauchen offene Ohren für neuen Sound, neue Crews mit langem Atem, die in der Stadt bleiben, und viel mehr Unterstützung von behördlicher Seite – egal ob Club oder Freiflächen für unkomplizierte Projekte.

Und wenn im September auch noch die Blauen an die Macht kommen, gibt’s hier vielleicht bald nur noch das Beste aus den 70ern, 80ern und von heute, bisschen Blasmusik und ein Sauerkraut-Sandwich dazu. Baby Jesus steh uns bei, was die Landtagswahl für die Kultur in Magdeburg bedeutet.

Wie nehmt ihr die aktuelle Entwicklung von Drum’n’Bass wahr – musikalisch und kulturell?

Drum and Bass verändert sich ständig und war schon immer offen für neue Einflüsse – egal ob Reggae, Dubstep, Rave oder Techno.

Das Comeback von schnellem Techno hat man auch im DnB gespürt: plötzlich 4/4-Passagen in Tracks, die straight nach vorne pumpen wie Psy oder harter Techno und dann wieder in Breakbeats kippen.

Momentan bekommt Jungle ein Comeback – Breakbeats und Schlagzeugdrums rücken wieder in den Vordergrund, Basslines und Synths treten zurück.

Wenn normaler DnB klingt wie ein Raumschiff, das durchs Universum ballert und dabei Metallblöcke zersägt, ist Jungle eher ein hyperaktiver Schlagzeuger, der fünf Minuten komplett durchdreht, während der MC zwischendurch Kommentare reinruft.

Kulturell hat sich DnB schon immer aus allem bedient – und das bleibt hoffentlich so.

Was wünscht ihr euch von jüngeren Crews und Kollektiven?

Bildet Banden. Organisiert euch. Schafft euch trotz Hürden Freiräume. Konsumiert nicht nur Musik, sondern legt selbst auf oder produziert.

Versucht nicht, Trends zu bedienen, sondern entwickelt eure eigene Identität über euren persönlichen Geschmack. Ein Publikum kann man erziehen und auf neue Ideen bringen.

Ich könnte heulen, wenn ich auf Partys nur 2000er-Charthits als galoppierende Techno-Edits höre – immer das gleiche Muster, schnell konsumiert, ohne Tiefe. Hauptsache, man erkennt ein Sample aus der Kindheit und tanzt TikTok-Moves dazu. Da fehlt mir Seele und Vielfalt.

Und: Werdet nicht zu schnell erwachsen. Lebt den Scheiß.

Was wünscht du dir für die Zukunft von Droplegs Bushfire?

Viele von uns sind in einem Alter, wo man ruhiger wird oder andere Dinge wichtiger werden. Deshalb arbeiten wir aktiv an einer neuen Generation motivierter DJs, die den Laden irgendwann übernehmen.

Wir würden uns wünschen, dass in Magdeburg mehr Frauen anfangen, Drum and Bass oder partytaugliche Subgenres aufzulegen – wir sind schon ein ziemlicher Männerhaufen.

Wir sind dankbar, dass wir über die Jahre junge Menschen motivieren konnten, nicht nur vor dem Pult zu tanzen, sondern auch dahinter zu stehen. Aus Gästen wurden Freunde und Mitstreiter, die jetzt eigenverantwortlich mitgestalten.

Kann gern so weitergehen – beruhigt mich, dass unser Baby weiterlebt.

Was können Besucher*innen von euren Veranstaltungen erwarten?

Wir sind kein Mega-Event mit Konfettikanonen und Lasershow. Wir sind eine stabile Subkulturveranstaltung mit nicen Peops, fetten Basslines und ganz viel Grinsen in der Fresse.

Kommt vorbei, wirbelt eure Körperteile, baut Stress ab und unterhaltet euch mit Menschen aus den verschiedensten Randgruppen.

Was willst du noch loswerden?

Erst mal danke, dass wir hier die Möglichkeit bekommen, etwas über unsere Geschichte und Identität zu erzählen. Uns ist wichtig, persönlich zu bleiben und transparent zu sein. Im Grunde sind wir genauso einfache Handlampen wie alle anderen – mit Problemen, Wünschen und Ideen.

Einfach eine Handvoll Leute, die ihre Musik laut hören wollen und dafür mehr Zeit und Aufwand investieren als andere.

Schön zu sehen, dass wir über die Jahre Impact hatten und Menschen vielleicht auch ein Zuhause gegeben haben – in Form einer Partyreihe, zu der man auch nach elf Jahren noch geht. Nicht, weil sie sich jedes Mal neu erfindet, sondern weil der Vibe stimmt, man Leute trifft, die man sonst nicht sehen würde, und andere Musik hört als immer nur Techno oder House.

Geil ist auch, dass Drum and Bass langsam bei anderen Kollektiven ankommt. Können wir nur supporten – dann kann man auch mal woanders feiern und trotzdem seine üblichen Pappenheimer treffen.

Ansonsten: Macht, was ihr wollt – aber mit Idealismus, Liebe und viel Spaß.

Wir sehen uns an der Bar.

Tschüssikowsky.

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