„Wir wünschen uns doch auch ein freies Leben, warum gönnen wir es dann anderen nicht?“
Imra und Pauline, beide Mitte 20, engagieren sich seit rund sechs Jahren in der Magdeburger Lokalgruppe der Seebrücke. So ähnlich ihre politischen Werte sind, so
unterschiedlich sind ihre Prägungen.
Imra wächst, wie sie selbst sagt, sehr behütet in Hamburg auf. In ihrem Umfeld kennt sie eigentlich nur Menschen, die ihre freiheitlichen und weltoffenen Perspektiven teilen. Für ihr Studium zieht sie nach Magdeburg. Hier erlebt sie eine etwas andere Realität und findet mitten in der Coronapandemie zur Lokalgruppe der Seebrücke. Während ihrer ersten Zeit in der Gruppe brennt das Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ab. Sofort engagiert sie sich in der aktivistischen Arbeit und bleibt Teil der Gruppe.
Pauline wächst in Sachsen-Anhalt in einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg auf. Früh wird sie mit Rechtsextremismus und Rassismus konfrontiert. Dadurch erkannte sie bereits in ihrer Schulzeit, wie wichtig es ist, sich Verbündete zu suchen, um dagegen einzustehen. Während ihres Studiums lernt sie über Freund*innen die Seebrücke kennen. Ihr erstes Plenum findet noch online statt.

(von links) Imra und Pauline von der
Seebrücke Magdeburg!
Die Arbeit im Plenum
Aktuell zählt die Lokalgruppe in Magdeburg fünf bis zehn aktive Mitglieder. Einmal in der Woche trifft sich das Plenum, um neue Veranstaltungen zu planen und zu
organisieren. Feste Verantwortlichkeiten gibt es nicht, dafür sei die Arbeit in der Gruppe zu dynamisch, erklärt Imra. Eine der größeren Aktionen der jüngeren Vergangenheit war ein offener Brief an die kommunale und landesweite Politik. Anlass war der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024. Danach kam es vermehrt zu verbalen und körperlichen Angriffen auf Menschen mit Migrationsgeschichte in Magdeburg. Zusammen mit dem Syrisch-Deutscher Kulturverein e.V., der Afghanischen Fraueninitiative (AFIMA) Magdeburg e.V., dem Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt und dem Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V. forderten die Mitglieder der Seebrücke Magdeburg Solidarität mit den Betroffenen des Anschlags sowie mit migrantisierten Menschen in Magdeburg, die ebenfalls von Gewalt betroffen waren.
Im offenen Brief formulieren sie konkrete politische Forderungen. Dazu gehören unter anderem der Ausbau psychosozialer Zentren und zusätzlicher
Traumatherapieplätze sowie bessere Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch eine klare Positionierung der lokalen Politik gegen
rassistische Gewalt fordern die Initiativen. Der Brief richtet sich dabei nicht nur an politische Entscheidungsträger*innen, sondern auch an die Stadtgesellschaft. Ziel sei es, auf die Situation vieler Betroffener aufmerksam zu machen und Solidarität sichtbar zu organisieren, erklärt die Gruppe. Für die Seebrücke Magdeburg ist er damit auch ein Instrument, um verschiedene zivilgesellschaftliche Akteur*innen miteinander zu vernetzen und gemeinsame politische Forderungen öffentlich zu machen. Der Brief hat aktuell fast 600 Unterschriften und kann weiterhin online unterzeichnet werden.
Strukturen schaffen. Menschen auffangen.
Die Seebrücke sieht die Politik in der Verantwortung, Strukturen zu schaffen, um Menschen, die von Rassismus betroffen sind, besser aufzufangen. Die Forderung nach mehr psychologischer Unterstützung für traumatisierte Menschen mit Migrationsgeschichte ist beiden Aktivistinnen ein zentrales Anliegen. Darüber hinaus betonen sie, wie wichtig der weitere Ausbau verfügbarer Sprach- und Integrationskurse ist. Erst durch diese Angebote können Menschen wirklich
partizipieren. Ende des Sommers stehen die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt an. Die künftigen Aktionen der Seebrücke Magdeburg beziehen die Wahlen und den Wahlkampf mit ein. Neben verschiedenen Vorträge, sind auch Filmvorführungen geplant. Ziel der Mitglieder ist es, Perspektiven von Betroffenen stärker in den Vordergrund zu rücken. „Wir wollen nicht über Menschen sprechen, sondern ihnen den Raum geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“, erklärt Pauline.
In der Vergangenheit konnten sie für ihre Veranstaltungen unter anderem die Räume des Tacheles in der Sternstraße nutzen. Übergangsweise ist die Seebrücke jetzt im „In:takt“ auf dem Breiten Weg zu finden. Aber auch mit dem Moritzhof und dem Volksbad Buckau kooperieren sie regelmäßig.
Der Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft.
Was bedeutet es also, solidarisch zu sein? Für Pauline ist es eine Gesellschaft, in der sich alle wohlfühlen, gleiche Rechte haben und sich beteiligen können: „Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der Menschen, die von extremen Ereignissen betroffen sind, aufgefangen werden. Wir denken, dass eine solidarische Gesellschaft eine schöne Gesellschaft ist, in der man sich gegenseitig unterstützt und vom kulturellen Austausch profitiert.“ Für Imra bedeutet Solidarität vor allem, die eigenen Privilegien zu reflektieren und dann aktiv zu werden. Die Lokalgruppe Magdeburg freut sich immer über neue Mitstreiter*innen. Alle Infos und Aktionen gibt es auf Instagram.
Hinterlasse einen Kommentar