Ein Gespräch über Kunst, Stadt und die Frage, warum wir manchmal einen weißen Elefanten brauchen
mit Sabine Schramm und Ania Michaelis
Seit 1958 gehört das Puppentheater Magdeburg fest zur kulturellen DNA dieser Stadt. Was einst als städtische Puppenbühne begann, ist heute eines der erfolgreichsten Ensembles Puppentheater Deutschlands – ein Ort, an dem längst nicht mehr nur für Kinder gespielt wird, sondern für alle, die Lust auf Perspektivwechsel haben. Mit mehr als 52.000 Gästen jährlich, internationalen Gastspielreisen und dem Festival blickwechsel ist das Haus weit über Magdeburg hinaus sichtbar geworden.
Das internationale Figurentheater-Festival blickwechsel bringt diese besondere Energie alle zwei Jahre noch einmal auf ein neues Level: Dann wird nicht nur das Theaterhaus in Buckau bespielt, sondern die ganze Stadt. Straßen werden zu Bühnen, Sommernächte zu Inszenierungen und Magdeburg für einen Moment zu einem Ort, an dem das Unerwartete ganz selbstverständlich wirkt. Bereits seit 1991 prägt das Festival die Kulturlandschaft der Stadt, seine Wurzeln reichen sogar bis zu den Puppentheaterfestivals der 1960er Jahre zurück.
2026 steht blickwechsel unter dem poetischen Motto „und dann und wann ein weißer Elefant“ – inspiriert von Rainer Maria Rilkes Gedicht Das Karussell. Der weiße Elefant steht dabei für Fest und Rausch, für Jahrmarkt und Magie, für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen – und vielleicht auch für genau das, was Kunst im besten Fall auslöst: einen neuen Blick auf die Welt. Vom 29. Mai bis 5. Juni kommen dafür über 30 Gruppen aus mehr als zehn Ländern nach Magdeburg, mit rund 70 Veranstaltungen zwischen Theater, Straßenspektakel, Gesprächen und Festivalnächten. Den Auftakt macht traditionell wieder „la notte“ – das große Open-Air-Spektakel unter freiem Himmel.
Wir haben mit Intendantin Sabine Schramm und der künstlerischen Leitung Ania Michaelis darüber gesprochen, warum Figurentheater oft unterschätzt wird, warum gerade Magdeburg der richtige Ort für ein internationales Festival wie dieses ist und weshalb man manchmal vielleicht tatsächlich einen weißen Elefanten braucht.

Theater Titanick: UPSIDE DOWN | Foto: Caroline Martin
Wenn ihr jemandem begegnet, der noch nie vom Festival blickwechsel gehört hat – wie erzählt ihr davon?
Sabine Schramm:
Für einige Tage geht das Figurentheater hinaus in die Stadt: zu neuen Orten, in Sommernächte, in Räume, die plötzlich anders zu sprechen beginnen. Das Besondere ist nicht nur, dass internationale Künstler*innen nach Magdeburg kommen, sondern dass Magdeburg selbst neu und anders sichtbar wird. blickwechsel ist ein Ereignis, das zeigt, was Kunst im öffentlichen Raum auslösen kann. Es schafft Begegnung und Austausch auf eine intensive und trotzdem leichte Art.
Ania Michaelis:
Ich beschreibe die Suche nach dem Außergewöhnlichen, die Internationalität, das Festliche und den Diskurscharakter der Veranstaltung. Meine eigene Freude darüber, diese fantastische Plattform gestalten zu dürfen, die Welt nach Magdeburg zu holen und Magdeburg der Welt zu präsentieren.
Was ist euch wichtiger: Menschen neugierig zu machen oder ihnen Berührungsängste vor dem Theater zu nehmen?
Sabine Schramm:
Neugier ist für mich die schönste Form, Berührungsängste abzubauen. Ich glaube nicht daran, Menschen zum Theater zu überreden; ich glaube an eine echte Einladung. Viele Schwellen entstehen nicht aus Desinteresse, sondern aus dem Gefühl: Das ist vielleicht nicht für mich gemacht.
Ania Michaelis:
Eigentlich gehört das zusammen. Neugier ist ein starker Antrieb – wenn es gelingt, Menschen einzuladen, die zusammen etwas erleben, Kunst erleben, aber auch zusammen draußen essen, lachen, dann ist die Schwelle vielleicht geringer. Wir wollen keine geschlossenen Räume bauen, sondern Einladungen.
Was hat euch persönlich zum Figuren-/Puppentheater gebracht – und was hält euch bis heute dort?
Sabine Schramm:
Mich interessiert am Figurentheater der geheimnisvolle Moment, in dem etwas Unbelebtes plötzlich lebendig wird und antwortet. Ein geschnitztes Gesicht, ein Schatten, ein Objekt – und auf einmal entsteht Beziehung.Das ist keine kleine Kunstform, sondern eine der grundlegendsten. Sie fragt danach, was wir beleben, worauf wir Gefühle übertragen und worin wir uns selbst erkennen. Das ist Magie.
Ania Michaelis:
Die Möglichkeit der Verfremdung, die Notwendigkeit, vom Ego abzurücken. Die Herausforderung, konkret zu sein. Das Besondere ist, dass die Suche nach der Form immer Teil der Kunst bleibt.
Viele Menschen verbinden Figurentheater immer noch zuerst mit Kindheit. Wie begegnet ihr diesem Bild?
Sabine Schramm:
Natürlich gehört Puppentheater zur Kindheit, aber Kindheit ist nichts Kleines oder Harmloses. Kindheit ist der große Raum, in dem wir lernen, dass die Welt verwandelbar ist: Ein Tuch kann ein Meer sein, ein Stuhl ein Schiff, eine Puppe ein Gegenüber. Das zeitgenössische Figurentheater führt diese Fähigkeit weiter – klug, sinnlich und sehr erwachsen.
Ania Michaelis:
Kinder leben keine Kindheit, Kinder leben ihr Leben. Ihre Reaktionen sind oft direkter und unverfälschter als die der Erwachsenen. Kinder ernst zu nehmen ist eine Haltung. Zeitgenössisches Figurentheater kann verbindend, erheiternd, radikal, philosophisch oder verstörend sein.
Was überrascht Menschen am meisten, wenn sie zum ersten Mal zeitgenössisches Figurentheater erleben?
Sabine Schramm:
Viele erwarten vielleicht eine klassische Kasperbude und erleben dann eine hochpräzise, oft radikale Kunstform.
Ania Michaelis:
Viele erwarten Nostalgie und erleben stattdessen Gegenwartskunst.
„la notte“ ist für viele längst mehr als nur eine Eröffnung – eher ein Ritual. Was macht diesen Abend so besonders?
Sabine Schramm:
„la notte“ ist der Moment, in dem das Puppentheater in die Stadt wirbelt und sie anders atmen lässt. Für einen Abend gehört der öffentliche Raum der Kunst und der gemeinsamen Wahrnehmung.
Ania Michaelis:
Das Besondere ist die Verwandlung des Ortes, die internationalen Künstler*innen, die Gemeinsamkeit in einer hoffentlich warmen Sommernacht. Magie. Sehnsucht. Sommernachtstraum.
Ist „la notte“ eher Inszenierung, Ausnahmezustand oder kollektiver Sommerrausch?
Sabine Schramm:
Ein kleiner, spannender Ausnahmezustand für eine Nacht. Sorgfältig geplant und trotzdem offen für das Unvorhersehbare. Ich mag genau diese Mischung: Man weiß, was man vorbereitet hat – und dann kommt das Unerwartete, vielleicht – der weiße Elefant.
Ania Michaelis:
Hoffentlich alles gleichzeitig.
Warum ist es euch wichtig, das Festival nicht im Saal, sondern draußen, mitten in der Stadt zu eröffnen?
Sabine Schramm:
Weil ein Festival, das blickwechsel heißt, nicht hinter geschlossenen Türen beginnen darf. Öffentlich geförderte Kunst muss auch öffentlich sichtbar sein – nicht nur für diejenigen, die ohnehin den Weg ins Theater finden. Draußen kann Kunst zufällig begegnen, ohne Vorwissen, ohne Schwelle, ohne die Angst, etwas falsch zu verstehen. Das ist kulturelle Teilhabe im besten Sinne.
Ania Michaelis:
Der offene und öffentliche Raum. Die Luft. Gemeinsamkeit unter offenem Himmel. La notte verwandelt den Klosterbergegarten für eine Nacht in einen Anderort.
Was unterscheidet blickwechsel von anderen Theaterfestivals?
Sabine Schramm:
Die Verbindung von internationaler Kunst und einem sehr konkreten Bezug zur Stadt. blickwechsel wächst aus diesem Haus, aus Buckau, aus Magdeburg und aus einer langen Figurentheatertradition.
Ania Michaelis:
… und einer fast familiären Nähe. blickwechsel ist kein anonymes Branchentreffen. Künstler*innen und Publikum begegnen sich, und die Stadt spielt mit.
Warum funktioniert ein internationales Figurentheaterfestival gerade hier in Magdeburg so gut?
Sabine Schramm:
Weil Magdeburg eine Stadt der Verwandlung ist. Diese Stadt ist nicht glatt, und das ist ihre Stärke. Sie kennt Brüche, Leerstellen, Aufbrüche und Eigensinn. Figurentheater passt hierher, weil es genau daraus Kunst macht: aus Erinnerung, Veränderung und der schönen Möglichkeit einer Verheißung.
Ania Michaelis:
Und gleichzeitig Offenheit. Denn Festivals entstehen nicht nur aus Infrastruktur, sondern aus Energie.
„Und dann und wann ein weißer Elefant“ – wie seid ihr auf dieses Motto gekommen?
Sabine Schramm:
Dieses Bild hat mich sofort fasziniert, gerade weil es sich nicht sofort erklären lässt. Ein weißer Elefant ist schön, fremd, fast unwahrscheinlich. Er verändert die Atmosphäre und fasziniert, man möchte ihn sehen, entdecken und wiederbegegnen – das alles und mehr wünsche ich mir für unser Festival.
Ania Michaelis:
Das Bild öffnet auch etwas. Der weiße Elefant taucht bei Rilke auf wie eine Erscheinung zwischen Kindheit, Jahrmarkt und Melancholie.
Ist dieses Motto eher eine Einladung zum Staunen oder ein bewusster Bruch mit dem Erwartbaren?
Sabine Schramm:
Beides. Staunen ist kein harmloser Zustand. Wer staunt, weiß für einen Moment nicht sofort Bescheid. Das ist eine wunderbare Form von Freiheit.
Ania Michaelis:
Staunen ist oft Bruch mit dem Erwartbaren. Der weiße Elefant öffnet einen Raum, der sich der unmittelbaren Eindeutigkeit entzieht.
Darf ein Festival auch bewusst irritieren, statt nur Orientierung zu geben?
Sabine Schramm:
Ja. Ein Festival muss gastfreundlich sein, aber nicht bequem. Gerade die Kunstfreiheit schützt auch das Sperrige, Unbequeme und Noch-nicht-Verstandene.
Wir sollten Kunst nicht kleinreden, sondern ihr zutrauen, dass sie eine Gesellschaft reifer macht. Irritation ist nicht das Gegenteil von Verständigung – manchmal ist sie ihr Anfang.
Ania Michaelis:
Oft beginnt Denken dort, wo etwas nicht sofort aufgeht. Ein Festival muss daher nicht bestätigen, was wir ohnehin schon wissen oder fühlen.
Wie wichtig sind die Momente neben der Bühne – Gespräche, spontane Begegnungen, Festivalnächte?
Sabine Schramm:
Sehr wichtig. Manchmal beginnt das Festival nach der Vorstellung erst richtig zu wirken. Theater endet nicht mit dem Applaus.
Ania Michaelis:
Festivals bestehen nicht nur aus Aufführungen, sondern aus Atmosphären. Aus dem Dazwischen. Oft erinnert man sich Jahre später an eine Sommernacht oder ein Gespräch nach Mitternacht.
Spürt ihr als Festivalleitung heute stärker den Anspruch, Haltung zu zeigen?
Ania Michaelis:
Vielleicht weniger als zusätzlichen Anspruch, sondern eher als Realität der Gegenwart. Kunst findet nicht außerhalb der Welt statt. Fragen nach Verantwortung, Öffentlichkeit, Menschenbild oder Zusammenleben stehen ohnehin im Raum. Die Frage ist eher, ob man ihnen ausweicht oder sich ihnen stellt.
Sabine Schramm:
Haltung zeigt sich auch in Entscheidungen: wen wir einladen, welche Perspektiven wir sichtbar machen, welche Themen wir zulassen, welche Risiken wir eingehen. Ein Festival ist immer auch ein Versprechen, dass Kunst mehr sein darf als Zustimmung.
Daran schließt sich die Frage: Wie politisch darf oder muss ein Festival sein?
Sabine Schramm:
Theater ist immer politisch, weil es Menschen versammelt und Bilder in die Welt setzt. Kunstfreiheit bedeutet, dass Kunst Fragen stellen darf, bevor die Gesellschaft bequeme Antworten gefunden hat.
Ania Michaelis:
Kunst ist nicht dann politisch, wenn sie Parolen formuliert, sondern wenn sie Wahrnehmung verschiebt, Komplexität zulässt und Menschen in Beziehung setzt.
Was wäre der schönste Blickwechsel, den dieses Festival auslösen könnte?
Ania Michaelis:
Vielleicht die Erfahrung, dass wir nicht nur Zuschauer*innen unseres Lebens sind, sondern Mitgestaltende. Dass Fantasie keine Flucht aus der Wirklichkeit ist, sondern eine Möglichkeit, sie anders zu denken.
Was wollt ihr noch loswerden?
Sabine Schramm:
Kommen Sie – nicht, weil Sie alles über Figurentheater wissen, sondern weil vielleicht ein weißer Elefant auf Sie wartet: ein Bild, das man nicht gesucht hat und trotzdem nicht vergisst.
Ania Michaelis:
Kommt vorbei. Wirklich. Nicht mit dem Gefühl, man müsse etwas verstehen oder bereits Teil einer bestimmten Theaterwelt sein. Sondern mit Neugier. blickwechsel möchte kein geschlossenes System sein, sondern eine Einladung.
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