Zwischen künstlerischem Ausdruck und Design: Mit ihren Prints entwickelt Lina eine eigene visuelle Handschrift und setzt kreative Impulse.
Etwas versteckt liegt ihr Atelier in einem Magdeburger Altbau. Mit dem Fahrstuhl müssen Besucher*innen erst in das Kellergeschoss fahren und dann einen dunklen Flur entlanggehen. Kaum vorstellbar, dass hinter irgendeiner dieser Türen so besondere Kunst entsteht.
Doch sobald sich die Ateliertür öffnet, wird klar, so unheimlich ist es gar nicht. Das Atelier teilt sich Lina mit zwei weiteren Personen. Auf der einen Seite befinden sich ein Schreibtisch und eine gemütliche Sofaecke, auf der anderen ihr Arbeitsbereich. Überall hängen Drucke, die für den Laien makellos wirken. Lina erklärt, es seien Fehldrucke. Sie zeigt auf kleine Abweichungen, feine Nuancen und Unregelmäßigkeiten. Lina Rieck, gerade 30 geworden, ist eine Künstlerin aus Magdeburg mit einem außergewöhnlichen Artwork.
Gibt es etwas in deinem Leben, das dich künstlerisch nachhaltig geprägt und vielleicht auch deine Sicht auf die Kunst verändert hat?
Mein Auslandssemester an der University of the Arts Poznan hat mich sehr geprägt. Dort habe ich viel Spielraum für eigene Gestaltung bekommen und habe einen Haufen kreativer, toller Menschen kennengelernt, die immer offen für Austausch waren. Generell tun Kreise, in denen Künstler*innen offen und wertschätzend miteinander umgehen, sehr gut. Solch eine Gruppe habe ich zum Beispiel beim Flatstock Hamburg (Siebdruckausstellung im Rahmen vom Reeperbahnfestival) getroffen. Letztendlich stellt uns ein kreatives Leben oft vor ähnliche Hürden, da tut ein offener Austausch sehr gut. In Magdeburg müssen wir einen
Zusammenhalt der Künstler*innen-Community meiner Meinung nach aber noch etwas üben.
Welche Rolle spielt Kreativität in deinem Alltag?
Die Kreativität ist so eine Sache. Die spielt gern nicht so mit, wie man es gern möchte. Du kennst sicher den Satz „Und dann hatte ich die Idee nebenbei – einfach so unter der Dusche.“ Aber man vergisst dann, dass man vorher stundenlang recherchiert, ausprobiert, verworfen, weiter recherchiert hat. Und in dem Moment wo man los lässt und und dem Kopf Raum gibt, wie unter der Dusche, auf der Joggingrunde, beim Einschlafen, können sich all die Teile manchmal
ganz schnell zusammen setzen. Deswegen versuche ich in meinem Alltag Ideen Zeit und Raum zu lassen und sie nicht innerhalb vom ersten Gedanken bis zur Ausführung in Rekordzeit durchzubrechen.
Was begeistert dich abseits deiner Kunst?
Ich liebe Konzerte. Egal ob vor oder hinter der Bühne. Zu sehen, wie Menschen ihre Erlebnisse und Emotionen in Musik umsetzen und das mit einem Publikum live teilen ist einfach großartig. Und wenn du mich nun nach meinem liebsten Genre fragen würdest, würde ich sagen: Ich liebe es wütende Flinta* auf Bühnen stehen zu sehen.

Wie bist du zu deinem heutigen künstlerischen Ausdruck gekommen?
Ein wenig von beidem. Ich probiere gern neue Sachen aus, übe neue Techniken. Aber oft fließt meine typische Handschrift auch mit rein, sodass sich der Stil durch die neuen Impulse auch weiterentwickelt.
Wenn du dir deine allerersten Arbeiten und deine heutigen Werke anschaust: Was hat sich künstlerisch, aber vielleicht auch persönlich verändert?
Ich gehe sehr kritisch mit meinen älteren Arbeiten um. Aber letztendlich sind die ersten Versuche auch ein Teil des Weges zu meiner heutigen Gestaltung, so wie es meine heutigen Werke für die, die in Zukunft kommen werden, sind. Außerdem habe ich Anfang des Jahres beschlossen, in veröffentlichten Kunstwerken keine
nackten Körper mehr darzustellen. Sie zu zeichnen macht mir immer noch sehr viel Spaß, ich möchte sie aber erst wieder veröffentlichen, wenn Nacktheit nicht mehr sexualisiert wird. Mal sehen ob das in diesem Leben noch passiert.
Gab es Momente, in denen du an deiner Kunst oder an dir selbst gezweifelt hast?
Gefühlt jede Woche mindestens drei mal. Aber das gehört irgendwie zum Prozess. Man darf sich nur nicht in Selbstzweifeln ertränken. In dem Fall arbeite ich einfach weiter. Ändere Dinge die mich stören. Sich Feedback einholen ist auch immer eine gute Sache, manchmal hilft ein Blick von Außen. Oder ich mache eine Pause und am nächsten Tag sieht meine Skizze von Zauberhand wieder gar nicht so scheiße aus. Außerdem achte ich darauf, mich nicht allzu sehr mit anderen Künstler*innen zu vergleichen. Es gibt so unfassbar viele talentierte Menschen. Da ist es auch einfach viel cooler ihre Erfolge zu feiern und sich vielleicht auch inspirieren zu lassen.

Woher kommen deine Ideen?
Die meisten meiner Prints basieren auf Emotionen und Dingen, die ich erlebt habe. Das zeigt sich manchmal sehr offensichtlich, oft aber sehr versteckt. Ich versuche dann eine Metapher für die Gefühle zu finden und sie zu verbildlichen. Welche Perspektiven auf dein Artwork würdest du dir wünschen? Jede*r darf selbst sehen und interpretieren. Ich freu mich auch, wenn man sich auch Zeit für Details nimmt.
Was fasziniert dich an der Arbeit mit Siebdruck?
Da gibt es so viel. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Siebdruck bietet mir die Möglichkeit, schnell zu drucken, Farben schnell auszutauschen und zu probieren. Mit einer Technik wie Ölmalerei, die sehr viel Geduld benötigt, würde ich wahrscheinlich durchdrehen. (Dabei vergesse ich aber immer wieder, dass ich an den Illustrationen für die Drucke gerne 20-40 Stunden arbeite.) Ich mag, dass Siebdruck ein Handwerk ist und das Drucken fernab von Bildschirmen geschieht. Und Drucktechniken geben einem die Möglichkeit, viele Originale zu schaffen. Das ermöglicht, Kunst erschwinglich zu verkaufen. Ohne Frage – aufwendige Malereien sind jeden Cent wert – aber ich möchte dass jede Person, die sich in einen Print von mir verliebt, sich ihn auch leisten kann.
Glaubst du, dass man als Künstlerin besonders aufmerksam durch die Welt geht?
Die Aufmerksamkeit legt sich sicher auf andere Details. Ich kann gern an einer Ampel jeden Sticker analysieren, verpasse dann aber die Grünphase.
Was bedeutet Erfolg für dich persönlich?
Ein Kompliment freut mich immer. Mit den Prints etwas dazu zu verdienen ist auch nett. Und vor allem zu sehen wie sich Menschen freuen, wenn sie einen Print bei sich aufhängen. Allerdings ist es momentan nicht mein Ziel nur von meiner Kunst zu leben. Ich möchte dass die Entscheidungen, die ich im Bezug auf meine Kunst treffe, nicht von Zeitdruck oder einem Markt beeinflusst sind. Was für mich persönlich der größte Erfolg ist ist, wenn ein Print fertig ist, ich ihn angucke und denke: i did thaaaat?!
Gibt es etwas, das du dich bisher künstlerisch noch nicht getraut hast, das du aber unbedingt einmal ausprobieren möchtest?
Ich würde gern mehr mit experimenteller Kalligrafie arbeiten. Übe da auch fleißig, bin aber nicht an dem Punkt, an dem ich sie für einen Print einsetzen möchte.
Woran arbeitest du gerade? Gibt es ein Projekt, das dich aktuell besonders begeistert?
Über laufende Projekte kann ich momentan noch nicht sprechen. Aber wir haben vor ein paar Wochen ein Magazin veröffentlich, was komplett ehrenamtlich entstanden ist und nun kostenlos an junge Menschen in Sachsen-Anhalt verteilt wird. Es heißt „Mach mal was Cooles“ und soll junge Menschen unterstützen Demokratie-Softskills zu entwickeln, Aktivismus kennen zu lernen und eventuell einen eigenen Weg in den Aktivismus zu finden. Es klärt auch über Nazi-Codes auf, gibt Beispiele wie man auf rechte Phrasen reagieren kann, erzählt die Geschichte von Aktivist:innen aus LSA, zeigt Orte an denen man aktiv werden kann und wie man dabei auch nicht vergisst, auf seine eigenen Grenzen zu achten. Das Heft ist mit Alpakas gegen Nazis und vielen weiteren helfenden Händen entstanden. Und abgesehen vom wirklich tollen Inhalt, siehts auch noch verdammt gut aus.
Wo kann man deine Kunst momentan entdecken?
Momentan sind keine Ausstellungen geplant, da einige andere Projekte laufen. Aber wer sich für meine Kunst interessiert, kann natürlich in meiner immer geöffneten Instagram-Galerie vorbeischauen.
Du hast bereits mehrfach Auftragsarbeiten gehabt. Gibt es eine, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist, und warum?
Ich durfte für das Glacis Open Air 2023 den Artist Showcase übernehmen und die Gestaltung für das Felicia-Festival übernehmen. Beide Projekte waren total spannend, Teil der Kultur und ich hatte bei der Gestaltung eine sehr freie Hand. Sowas macht besonders Spaß.
Gibt es Künstler*innen, Bands oder kulturelle Projekte, mit denen du unbedingt einmal zusammenarbeiten möchtest?
Also wenn Amyl and the Sniffers, die Anstalt, Laturb oder die Lambrini Girls einen Siebdruck haben möchten, würde ich vor Freude im Kreis springen. Für feministische, antifaschistische und kulturelle Projekte arbeite ich natürlich auch besonders
gern.
Danke für das Gespräch, Lina. Das Artwork von Lina findet ihr auf ihrem Instagram-Account Linar.Prints

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