Einen Tag vor der Landtagswahl wird der Domplatz zur Bühne für Musik, Haltung und eine verdammt große Portion Zivilgesellschaft. Wir haben mit Johannes Schacht über Booking, Subkultur und die Frage gesprochen, was ein Festival der politischen Schwerkraft dieser Tage entgegensetzen kann.
Ein wenig fühlt es sich so an, dass auch über die deutschen Landesgrenzen hinaus, ein großes Interesse an der aktuellen politischen Situation in unserem Bundesland besteht. Während sich die deutsche Presse eher auf die Möglichkeit einer drohenden AfD-Regierung zu konzentrieren scheint, engagiert sich die demokratische Zivilgesellschaft stärker denn je. Setzen wir das Spotlight auf die Menschen, die sich für Demokratie und eine offene, solidarische Gesellschaft einsetzen. Einen Tag vor der Landtagswahl findet in Magdeburg auf dem Domplatz, vor historischer Kulisse, ein einmaliges Demokratiefestival statt. Organisiert wird die Veranstaltung von Sachsen-Anhalt. Weltoffen!
Booking für das Festival
Johannes Schacht organisiert das Booking für das Festival. Seit Jahren ist Johannes aktiv in der Magdeburger Subkultur. Neben seinem Engagement im Kollektiv „Fette Beute“ hat er sich mit seinem Projekt petrichor.booking selbstständig gemacht und holt besondere Künstler*innen nach Magdeburg. Jetzt engagiert er sich für das außergewöhnliche Ein-Tages-Festival in Magdeburg.
Booking, Bühnenmanagement und ein Line-up, das sich sehen lassen kann: Mit Petrichor steckt ihr ziemlich tief im Demokratiefestival drin. Was ist deine Rolle und was reizt dich persönlich daran, deine Energie genau in dieses Projekt zu stecken?
Das entstand dadurch, dass ich meinem ganzen kulturellen Engagement, das ich jetzt über die letzten sechs Jahre gemacht habe, so ein bisschen eine Form geben wollte. Dann kam der AWO Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. auf mich zu und wollte ursprünglich, dass ich für sie ein Demokratiefest in der Datsche organisiere. Das wurde dann aber nichts. Anschließend war ich in einem Call mit dem „Bündnis Sachsen-Anhalt weltoffen“ und der AWO. Da wurde ich gefragt, ob ich das nicht für sie am 5. September machen möchte. Und so kam das zustande.
Was ist deine Motivation, bei dem Projekt mitzumachen und da wirklich so viel Energie reinzustecken? Ich kann mir vorstellen, dass das auch super viele Kapazitäten bindet.
Es ist einfach eine geile Sache und es ist auch bezahlt. Das ist das erste Mal, dass ich mit meiner kulturellen Arbeit Geld verdiene. Das ist natürlich super. Es ist außerdem eine besondere Möglichkeit, mich mit tollen Leuten zu vernetzen. Das ist schon mega, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben können.
Wann ist aus „Da müsste mal jemand was machen“ bei euch „Okay, dann machen wir es eben“ geworden?
Ich bin ja auch mit der Prämisse nach Magdeburg gezogen, um hier einen Swutcher-Gig zu organisieren. Das ist eine Band, mit der ich ganz lange herumgereist bin. Mir war Livemusik immer wichtig und es ist mir wichtig, dass so etwas in einer Stadt stattfindet. Und weil ich weiß, wie viel Kraft mir Musik gegeben hat, ist es für mich aus einer intrinsischen Motivation heraus super wichtig, dass Musik und Kultur stattfinden. Ich bin ein DIY-Typ und gestalte gerne den Raum in dem ich lebe mit.
Du bist mit Fette Beute, Petrichor und anderen Projekten ziemlich tief im Magdeburger Kulturkosmos unterwegs. Was hat Feiern mit Demokratie zu tun?
Feiern schafft einen sozialen Raum, in dem Menschen zusammenkommen. Und in diesem sozialen Raum hat man die Möglichkeit, ihn nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Für mich waren Konzerte und auch Partys immer politisch, weil dort Menschen, die dieses Zusammensein stören, eigentlich keinen Platz haben. Da stoßen viele Lebensrealitäten aufeinander und in diesem Raum kann viel Austausch passieren. Für mich ist das auch durch die Kunst politisch. Kunst und Songtexte resonieren mit uns und wir haben zusammen dieses kollektive Erleben.
Was kann Subkultur, was klassische politische Arbeit vielleicht nicht kann?
Subkultur kann einfach Menschen zusammenbringen. Die Schwelle zu einem Konzert zu gehen oder zu einer Party ist auf jeden Fall niedriger als zu irgendeinem marxistischen Lesekreis. Es kann auf jeden Fall irgendeine Utopie erlebbar machen. Das hat mich eigentlich schon immer fasziniert.
Provinz, Berq, Kerstin Ott, Juli, Yung FSK, Hanna Rautzenberg, Magda, Paula Dalla Corte, badchieff: Wie zur Hölle bekommt man so ein Line-up für ein Demokratiefestival nach Magdeburg?
Mit viel Support. Die Solidarität, die man von außen erfährt, ist sehr krass und bemerkbar. Gerade in der Künstler*innen-Bubble wollen voll viele tätig werden und etwas machen. Beim Booking hatte ich zum Beispiel sofort Unterstützung von Justus Hunfeld. Er ist Manager bei 10METER Music. Er hat sehr gute Kontakte in die Musikindustrie und hat mich beim Booking unterstützt. Ohne ihn wäre das Line-up, glaube ich, auch nicht so krass geworden. Dann sind wir in den Austausch gegangen und so kam das zustande. Ich hatte also auch sehr viel Support.
Gab es eine Zusage, bei der du aufs Handy geguckt und gedacht hast: Hä, ernsthaft?!
Ich habe es bei allen gedacht eigentlich. Es ist völlig crazy. Ich glaube am abgefahrensten war Kerstin Ott. Es ergibt auf jeden Fall Sinn, dass sie dabei ist. Sie äußert sich auch politisch. Es holt nochmal andere Leute ab und das war auch die Idee dahinter. Bei den Acts von der Landstreicher Booking Agentur habe ich mir das schon gedacht. Da kam auch sehr viel Support.
Merkt man beim Booking einen Unterschied zwischen „Wir veranstalten ein Datschenkonzert“ und „Wir veranstalten ein Festival für Demokratie, einen Tag vor einer historischen Wahl“ – öffnen sich da eher Türen oder gehen auch welche zu?
Nein, es haben sich keine Türen geschlossen. Alle haben da große Lust drauf. Es ist natürlich eine ganz andere Dimension. Ich mache auch das Bühnen-Management so ein bisschen und die Kommunikation mit den Technikern, das Booking, den Bühnenplan und die Frage: Wie machen wir das jetzt mit dem Timetable? Ich kümmere mich eigentlich auch um das Programm.
Hast du dir gedacht, dass das Ganze inhaltlich eine andere Ausrichtung haben müsste als ein klassisches Konzert?
Ich habe beim Booking darauf geschaut, dass es eine möglichst breite Masse abholt. Dass es jetzt nicht irgendwie ein Konzert wird, das nur – so „preaching to the choir“-mäßig – linke Artists hat und nur die Leute erreicht, die sowieso schon überzeugt sind. Sondern dass auch Leute Zugang dazu haben, die vielleicht CDU oder AfD wählen würden. Dass die auch kommen und sich das vielleicht mal anhören. Und dass man sie vielleicht noch umstimmen kann. Oder dass Leute, die sonst eher unpolitisch sind, kommen und durch die Reden ein wenig politisiert oder zum Wählen animiert werden.
Wie kann man erreichen, dass Magdeburg und Sachsen-Anhalt auf der Bühne nicht nur Kulisse sind, sondern auch wirklich repräsentiert werden?
Wir haben zwei Newcomer-Acts aus Sachsen-Anhalt dabei. Das war mir auch sehr wichtig. Eigentlich hatte ich nur vier Band-Slots geplant. Aber jetzt sind es ein bisschen mehr geworden. Hoffentlich wird Sachsen-Anhalt dadurch auch durch prominente Figuren repräsentiert. Wir haben außerdem ganz viele zivilgesellschaftliche Organisationen aus Sachsen-Anhalt angeschrieben, die dann auch vor Ort sein werden.
Das Line-up ist sehr unterschiedlich. Gab es weitere Kriterien?
Ja, auf jeden Fall. Mir war ein ausgewogenes Gleichgewicht von FLINTA* zu männlichen Acts sehr wichtig. Und natürlich, dass wir die Vielfalt, die es in der Gesellschaft gibt, auch auf der Bühne abbilden.
Wer ist denn als Speaker dabei?
Max Demokratisch, Matthias Matschke, Jakob Springfeld, Elke Prinz, Caroline Emcke und Henriette Kretz.
Was hoffst du, was die Menschen von der Veranstaltung mitnehmen?
Ich hoffe, dass die Leute einander zuhören und dadurch vielleicht auch reflektieren. Das wäre mir, glaube ich, sehr wichtig. Es geht um Weltoffenheit, Demokratie, Zusammenhalt, Vielfalt.
Muss Kultur in Zeiten wie diesen Haltung zeigen?
Kultur und Subkultur sollte nie keine Haltung zeigen. Für mich ist auch alles, was auf einer Bühne passiert, politisch. Ich finde, das ist schon in der Sache der Kunst angelegt, dass sie auf jeden Fall auch politisch ist. Dieses Selbstverständnis von: „Politik interessiert mich nicht, ich bin unpolitisch“, das haben wir auf jeden Fall nicht. Ich würde sagen, dass die Acts, die ich buche, politische Acts sind. Wenn jemand einfach kommt und sagt: „Ich bin unpolitisch“, sich dann aber die Musik anhört und die gut findet, dann passiert da ja auch schon einiges. Ich finde es schwierig zu sagen, man sei unpolitisch. Man ist nie unpolitisch. Auch wenn man sich nicht verhält, verhält man sich zu Dingen.
War von Anfang an dein Ziel, die Veranstaltung so groß zu machen?
Was für mich krass war, war, dass immer mehr Zusagen kamen. Dadurch ist das Line-up immer weiter gewachsen. Mittlerweile ist das schon eine ziemliche Mammutaufgabe, die ganzen Acts technisch irgendwie gut über die Bühne zu bringen. Das ist, glaube ich, das, was mich am meisten erstaunt hat.
Gab es irgendwann den Moment: „Scheiße, schaffe ich das überhaupt?“
Ich bin der Sache gut gewachsen. Ich habe schon viel Scheiße erlebt und so viele Dinge gemacht. Dadurch habe ich mittlerweile eine sehr hohe Stresstoleranz. Und ich habe gute Leute an der Hand, die mich unterstützen.
Du überlegst dir natürlich, was die Leute an diesem Abend mitnehmen sollen. Gibt es auch etwas, das du dir nachhaltig für Magdeburg nach dem Festival wünschen würdest? Etwas, bei dem du sagst: Es wäre cool, wenn sich das in dieser Stadt grundlegend verändern würde?
Wenn dadurch einige Menschen wachgerüttelt werden. Dass man sieht, Okay, da haben sich jetzt 10.000 Leute auf dem Domplatz versammelt und da stehen Musik-Acts, die sehr prominent sind und die ich vielleicht auch gut finde. Aber ich will die AfD wählen? Vielleicht sollte ich mich mal ein bisschen hinterfragen. Das ist, glaube ich, das Beste, was passieren könnte. Ich glaube jetzt nicht, dass das noch mal zehn Prozent rausreißt. Das wäre natürlich schön, aber das glaube ich realistisch betrachtet nicht. Aber es wird ein krasses Zeichen sein. Da werden die Leute auch noch lange drüber reden. Und vielleicht gibt es den Menschen auch Hoffnung für die kommenden Jahre.
Wenn du an den Blick von Leipzig oder Berlin auf Magdeburg denkst: Was würdest du dir wünschen, was die Leute nach diesem Festival über die Stadt sagen?
Magdeburg macht sich selbst immer kleiner, als es eigentlich ist. Die Leute hier machen viele Sachen runter oder kleiner, als sie sind. Aber du hast dann Orte wie die Datsche zum Beispiel. Alle Freunde von mir aus Hamburg, die nach Magdeburg gekommen sind, waren geflasht davon, was hier geht, was man hier machen kann und welche Möglichkeiten man hat. Man muss diese Möglichkeiten halt finden. Wenn man danach sucht, kann man hier echt eine schöne Zeit haben. Ich finde es immer schade, dass so wichtige kulturelle Orte, die eine ganze Stadt prägen, so wenig Beachtung finden. Alle gucken immer nach Berlin oder Leipzig. Dabei sind das hier teilweise so krasse Orte, an denen seit Jahrzehnten wichtige Arbeit passiert. Wenn das ein bisschen mehr Anerkennung erfahren würde, würde mich das freuen. Ich glaube, es ist auch ein bisschen das Mindset, mit dem man sich durch die Stadt bewegt und mit dem man in eine Stadt zieht. Leute, die hier aufgewachsen sind, sehen das wahrscheinlich völlig anders. Aber ich kann eben nur aus der Perspektive von jemandem sprechen, der hierhergezogen ist.
Was fehlt Magdeburg kulturell oder musikalisch am allermeisten?
Einer stabilen Musikszene fehlt hier, wie ein dreckiger kleiner Indieschuppen für 150 Leute.. Räume, in denen man sich treffen und eine Szene wachsen lassen kann. Es gibt einige Räume, aber die haben teilweise leider keine Stetigkeit.
Wie würdest du das Verhältnis zwischen Stadt beziehungsweise Politik und Kultur in Magdeburg beschreiben?
Ich finde schon, dass sehr viel passiert ist. Gerade auch mit den freien Open-Air-Flächen ist man sehr aufeinander zugegangen. Die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist eigentlich, dass der Wille schon da ist. Aber man kommt teilweise aus völlig verschiedenen Richtungen. Auf der einen Seite hast du irgendwie verpeilte Leute, die einfach nur feiern oder Konzerte organisieren wollen, und auf der anderen Seite hast du Beamte, die Vorschriften machen. Diese Leute erst einmal zusammenzubringen, ist, glaube ich, wichtig. Aber ich habe es in den letzten Jahren eigentlich so erlebt, dass man, wenn man auf die Stadt zugeht, auch auf offene Ohren stößt. Dieses: „Die hassen uns alle!“ ist nicht die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.
Was machst du am 6. September, also am Tag danach?
Ich werde mit guten Freunden zusammen sitzen. Das ist für uns alle nicht einfach und wir werden gucken, dass wir uns gegenseitig supporten. Denn ob die AfD jetzt eine Mehrheit hat oder nicht, es wird schlimm, so oder so. Ich halte auch nicht viel von der CDU. Die nächsten Jahre werden nicht einfach.
Und wie geht es für dich persönlich nach dem Festival weiter?
Sieben Jahre bin ich hängen geblieben. Vielleicht sollte ich mir noch ein Konzert wie Swutcher auf die Fahne schreiben. Noch weiß ich es nicht. Ich muss jetzt meine Bachelorarbeit fertig bekommen, die ich neben meinen drei Jobs noch machen muss. Ich schaue mal, wie meine Perspektive dann ist. Ich hoffe auch, dass sich durch das Festival einiges ergibt. Aber längerfristig habe ich auf jeden Fall Bock, das weiterzumachen.
Das Demokratiefestival findet am 5. September auf dem Domplatz Magdeburg statt.
| 13:30 Uhr | Start der Demonstration am Magdeburger Hauptbahnhof (Willy-Brandt-Platz) |
| 15:00 Uhr | Musik & Statements auf dem Magdeburger Domplatz |
| 20:00 Uhr | geplantes Ende des Demokratiefestivals |
Das Line up:
Provinz, Berq, Juli, Kerstin Ott, Bad Chief, Hanna Rautzenberg, Paula Dalla Corte, Yung FSK18, Magda
Speaker*innen:
Kathrin Sonnenholzner (AWO Präsidiumsvorsitzende), Stefan Körzell (stellv. DGB Bundesvorsitzender), Bettina Schlauraff (Regionalbischöfin), Max Scheller (max.demokratisch), Jakob Springfeld, Matthias Matschke, Nadja Lösch, Elke Prinz, Angela Kunze-Beiküfner, Carolin Emcke, Henriette Kretz (Holocaustüberlebende)
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