Für fünf Stunden bleiben die Türen zu – Magdeburgs migrantische Gewerbetreibende streiken
Am 26. August findet in Magdeburg ein Migra-Streik statt. Migrantische Gewerbetreibende schließen für einige Stunden ihre Läden und Betriebe. Nicht, weil sie nicht arbeiten wollen. Sondern weil sie gehört werden wollen.
Unterschiedliche Menschen gestalten unsere Stadt mit, schaffen Orte für Begegnung, Kultur und Alltag – und manche erleben gleichzeitig, dass ihre Zugehörigkeit zu Magdeburg und zu dieser Gesellschaft nicht für alle selbstverständlich ist. Rassistische Anfeindungen, Ausgrenzung oder das Gefühl, sich immer wieder erklären und rechtfertigen zu müssen, gehören für manche Menschen zu einer Realität, die viele andere Magdeburger*innen kaum mitbekommen. Gerade weil wir uns täglich begegnen, uns anfreunden, miteinander arbeiten, feiern, einkaufen und diese Stadt miteinander teilen, lohnt es sich, auch die Erfahrungen wahrzunehmen, die im Magdeburger Alltag sonst schnell unsichtbar bleiben.
Am Mittwoch, den 26. August, könnte das an einigen Orten in der Stadt anders sein.
Von 10 bis 15 Uhr wollen migrantische Gewerbetreibende in Magdeburg freiwillig ihre Geschäfte und Betriebe schließen. Fünf Stunden lang. Gemeinsam. Als Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Der Satz, unter dem die Aktion steht, ist ziemlich deutlich:
„Wir schließen heute unsere Türen, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen.“
Was steckt hinter dem Migra-Streik?
Wer einen Laden für fünf Stunden schließt, verzichtet auf Einnahmen. Wer das freiwillig tut, hat etwas zu sagen.
Hinter dem Migra-Streik stehen Menschen, für die die gesellschaftlichen Debatten über Migration keine abstrakten Diskussionen im Fernsehen oder auf Social Media sind. Es geht um das eigene Leben, um Familie und Freund*innen, um die Frage, ob man als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen wird oder ob die eigene Zugehörigkeit immer wieder infrage gestellt wird.
Rassistische Erfahrungen und gesellschaftliche Ausgrenzung gehören für viele Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte weiterhin zum Alltag. Gleichzeitig sorgen politische Forderungen nach massenhaften Abschiebungen und der Verdrängung von Menschen mit Migrationsgeschichte für Angst und Verunsicherung.
Die Gewerbetreibenden hinter dem Migra-Streik wollen dazu nicht schweigen.
Ihre geschlossenen Türen sollen sichtbar machen, was schnell unsichtbar bleibt: Hinter Begriffen wie „Migration“ stehen keine abstrakten Gruppen. Da stehen Menschen.
Menschen, die mit uns in der Straßenbahn sitzen. Deren Kinder hier zur Schule gehen. Die unsere Nachbar*innen, Freund*innen und Kolleg*innen sind. Menschen, die morgens ihren Laden in Stadtfeld, Buckau, Sudenburg, der Altstadt oder anderswo in Magdeburg aufschließen und längst Teil dieser Stadt sind.
Wer gehört eigentlich zu Magdeburg?
Vielleicht steckt genau darin die größere Frage dieses Streiks.
Wer darf sagen: Das ist meine Stadt?
Muss man hier geboren sein? Seit zehn Jahren hier leben? Einen deutschen Pass haben? Ein Unternehmen führen, Steuern zahlen, Arbeitsplätze schaffen?
Die Antwort der Beteiligten ist eindeutig:
„Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der Herkunft nicht darüber entscheidet, wer dazugehört. Menschenwürde, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Zugehörigkeit sind nicht verhandelbar.“
Dabei ist ein Punkt besonders wichtig. Natürlich zeigen migrantische Gewerbetreibende mit ihrer Aktion auch, wie sehr sie zum wirtschaftlichen Alltag dieser Stadt gehören. Aber niemand sollte erst beweisen müssen, wie „nützlich“ er*sie für eine Gesellschaft ist, um als Mensch akzeptiert zu werden.
Menschenwürde ist kein Bonus für besondere Leistungen.
Sie gilt für alle.
Und dann stehen wir vielleicht vor einer verschlossenen Tür
Für viele Magdeburger*innen wird der Migra-Streik vermutlich ganz unspektakulär beginnen.
Vielleicht steht ihr vor eurem Lieblingsladen und merkt: Heute ist hier zwischen 10 und 15 Uhr zu.
Vielleicht ärgert ihr euch im ersten Moment sogar.
Und vielleicht ist genau dieser kurze Moment der Irritation Teil der Aktion.
Denn die Menschen, deren Arbeit und Angebote für viele von uns vollkommen selbstverständlich zum Stadtalltag gehören, machen sich für ein paar Stunden bewusst sichtbar, indem sie nicht da sind.
Nicht als „die Migrant*innen“. Nicht als politische Zahl. Nicht als Gegenstand irgendeiner Debatte.
Sondern als Magdeburger*innen, die sagen: Wir gehören hierher. Und wir möchten hier ohne Rassismus und ohne Angst vor Ausgrenzung leben.
Um 13 Uhr geht es vor den Landtag
Die Türen bleiben an diesem Tag nicht einfach nur geschlossen.
Um 13 Uhr findet vor dem Landtag Sachsen-Anhalt am Domplatz eine Kundgebung mit Presseerklärung statt. Dort sprechen die Organisator*innen und beteiligten Gewerbetreibenden selbst über ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und darüber, warum sie den Migra-Streik ins Leben gerufen haben.
Wer die Aktion unterstützen oder einfach zuhören möchte, kann vorbeikommen.
Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e. V. unterstützt die selbstorganisierte Initiative.
Migra-Streik Magdeburg
Mittwoch, 26. August 2026
10–15 Uhr:
Freiwillige Schließung teilnehmender Geschäfte und Betriebe13 Uhr:
Kundgebung und PresseerklärungLandtag Sachsen-Anhalt
Domplatz 6–9
39104 Magdeburg
Fünf Stunden geschlossene Türen werden Rassismus nicht verschwinden lassen.
Aber vielleicht sorgen sie dafür, dass wir genauer hinschauen, wer diese Stadt jeden Tag mitgestaltet. Wer hier lebt, liebt, arbeitet, Freundschaften schließt, Kinder großzieht, einen Laden eröffnet oder einfach versucht, ein gutes Leben zu führen.
Magdeburg besteht nicht nur aus Gebäuden, Straßen und dem Dom am Horizont.
Magdeburg sind die Menschen, die hier leben.
Und am 26. August werden einige von ihnen für fünf Stunden ihre Türen schließen, damit wir ihnen zuhören.
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