Nur ein Mensch?
Wie das Theaterstück „Herrentag“ die Gewalt der Baseballschlägerjahre erzählt – und warum es dabei um weit mehr als Vergangenheit geht
Auf der Bühne, im Zentrum des Geschehens, steht ein Baseballschläger. Mehr als nur ein Requisit: Er ist Symbol der 1990er Jahre in Ostdeutschland, Symbol einer Jugend voller Gewalterfahrung, gesellschaftlichem Kontrollverlust und Radikalisierung. Fast zärtlich ist die Art, mit der Kevin Schulz, der zentrale Darsteller des Stücks, diesen Schläger aufnimmt, ihn dreht und wendet, seine Oberfläche prüft, als wolle er seinem Wesen auf den Grund gehen. Doch aus dem spielerischen Schwingen wird jener Schlag, der Menschen damals verletzte und tötete.
Herrentag läuft im aktuellen Programm der Kammerspiele Magdeburg, es basiert auf Archivmaterial und Gesprächen mit Zeitzeug*innen, und erzählt von der rechten und rassistischen Gewalt in Magdeburg Anfang der 1990er Jahre. Im Zentrum stehen nicht die Täter, sondern die Betroffenen: ihre Geschichten, ihre Angst, ihr Trauma, ihr Tod – und die Frage, warum all das geschehen musste.
Der Begriff der „Baseballschlägerjahre“ hat sich in den vergangenen Jahren als Chiffre für die massive rechte Gewalt jener Zeit etabliert. Geprägt wurde er durch den Journalisten und Autor Christian Bangel, dessen autobiografische Reflexionen über das Aufwachsen in Ostdeutschland wesentlich dazu beitrugen, die Erfahrungen vieler Betroffener sichtbar zu machen. Dabei verweist der Begriff nicht nur auf die Tätergeneration, sondern vor allem auf jene, die den Alltag dieser Gewalt ertragen mussten: Migrant*innen, alternative Jugendliche, Linke, Punks, Queers – oder schlicht Menschen, die nicht in das Weltbild der rechten Bewegung passten. Wohl gemerkt: eine Bewegung, die von westdeutschen Nazikadern finanziert und mit aufgebaut wurde.

Theater Herrentag | Foto: Kammerspiele
Kevin Schulz führt das Publikum mit großer Präzision und Eindringlichkeit durch diese Geschichten. Er wechselt souverän zwischen unterschiedlichen Erzählhaltungen und Figuren, bleibt dabei stets im direkten Kontakt mit dem Publikum. Unterstützt wird die Inszenierung durch Videoeinspieler, in denen weitere Figuren auftauchen, gespielt von Michael Magel. Besonders stark sind jene Momente, in denen das Stück mit der Realität bricht und alternative Möglichkeiten imaginiert: etwa ein Oberbürgermeister, der öffentlich das Versagen der Behörden eingesteht und seinen Rücktritt erklärt. Für einen kurzen Moment scheint Verantwortung denkbar. Dann die Pointe: Er habe die falsche Rede vorgelesen. Alles wird zurückgenommen. Genau diese Form institutioneller Selbstkritik hat es in Wirklichkeit leider nie gegeben. Eine andere Szene zeigt einen Sportlehrer, der antifaschistische Selbstverteidigungskurse organisiert – ebenfalls eine erfundene Intervention. Auch sie verweist auf eine Leerstelle: den mangelnden Schutz für jene Jugendlichen, die damals täglich Gewalt ausgesetzt waren.
Die Dramaturgie des Stücks ist fein austariert. Immer wieder unterbrechen Projektionen den Spielfluss: Fotos der Opfer erscheinen, minutenlang blicken sie dem Publikum entgegen. Junge Gesichter. Menschen mit Zukunftsplänen, Freundschaften, Sehnsüchten. Ein Gedanke drängt sich unwillkürlich auf: Sie waren so jung. Sie hatten ihr ganzes Leben vor sich. Warum (verdammt nochmal) mussten sie sterben?
Dazwischen tauchen Schlagzeilen aus den frühen 1990er Jahren auf. Sie dokumentieren eine öffentliche Debattenkultur, die oft selbst Teil des Problems war: rassistische Relativierungen, Verständnis für Täter, Schweigen gegenüber Betroffenen. Die Sprache und Narrative jener Jahre erscheint heute erschreckend vertraut.
Der Autor und Regisseur Jochen Gehle stammt selbst aus Westfalen. Die Wendezeit hat er nicht unmittelbar erlebt, wohl aber ihre Nachwirkungen in der Magdeburger Stadtgesellschaft. Seine intensive Recherche spürt genau diesen Geschichten nach. Denn schnell landet das Stück bei den großen Erklärungsmustern: der Zusammenbruch der DDR, die soziale Entwurzelung, die massive Verunsicherung der Nachwendezeit. „Wende“ klingt beinahe harmlos für das, was viele Menschen tatsächlich erlebten: den Verlust von Arbeit, sozialem Status, vertrauten Strukturen. Der alte Staat war verschwunden, der neue noch nicht angekommen. Lebensmodelle, Berufe, Identitäten wurden in den Schredder des hegemonialen Narratives „Ein Volk“ gesteckt, die Menschen mit dem Label „Bürger*innen eines Unrechtsstaates“ versehen. Natürlich lässt sich darin ein Nährboden für Wut, Frust und Orientierungslosigkeit erkennen. Doch „Herrentag“ verweigert sich einer vorschnellen Soziologisierung. Einer der zentralen Sätze des Abends lautet: „Das hier ist kein Soziologieseminar.“ Und weiter: „Auch wenn man die Wende als völligen Zusammenbruch erlebt hat – das erklärt nicht, warum man auf die Straße rennt und Menschen totschlägt.“ Gerade darin liegt die Stärke des Stücks. Es sucht nach Ursachen, ohne Gewalt zu entschuldigen.
Im Mai 1992 wird Torsten Lamprecht zum Todesopfer jener rechten Gewalt. Eine Geburtstagsfeier in den Magdeburger Elbterrassen endet in einem Überfall: Rund 60 bewaffnete Neonazis stürmen das Gelände, zahlreiche Menschen werden schwer verletzt. Lamprecht stirbt, mit 23 Jahren, an den Folgen des Angriffs. 1994 eskalieren die „Magdeburger Himmelfahrtskrawalle“: Am Herrentag ziehen marodierende rechte Gruppen durch die Innenstadt, greifen Menschen an, zeigen Hitlergrüße, werfen Flaschen, die Polizei verliert zeitweise die Kontrolle über die Situation. Kurz darauf stirbt Farid Boukhit an den Folgen der Angriffe. Für viele Betroffene waren diese Tage die brutale Zuspitzung eines ohnehin von Angst geprägten Alltags. Auch an Frank Böttcher erinnert das Stück – einen jungen Punk, der 1997 von rechten Jugendlichen zu Tode geprügelt und erstochen wurde. Ebenso an, der 1994 nach einem Angriff starb. „Herrentag“ gibt diesen Namen und Geschichten einen Raum, kehrt dabei aber auch zur Atmosphäre jener Jahre zurück: Was bedeutet es, wenn man sich auf der Straße nicht sicher fühlen kann? Wenn jeder Spaziergang potenziell gefährlich wird? Für große Teile der Mehrheitsgesellschaft blieb diese Erfahrung abstrakt. Für Migrant*innen, alternative Jugendliche oder politisch aktive Menschen gehörte sie zum Alltag der 1990er Jahre. Die Gewalt der einen traf auf das Schweigen der anderen.
Und genau hier schlägt das Stück die Brücke in die Gegenwart. Sind die 1990er Jahre wirklich vorbei? Historisch vielleicht. Gesellschaftlich keineswegs. Die Zahlen rechter, rassistischer und antisemitischer Übergriffe in Deutschland befinden sich seit Jahren auf hohem Niveau. Beratungsstellen und Monitoring-Projekte warnen zunehmend vor einer gesellschaftlichen Normalisierung rechter Gewalt. Hinzu kommen digitale Hetzkampagnen, Verschwörungserzählungen und eine politische Rhetorik, die Ressentiments systematisch verstärkt. Wie aktuell der Stoff ist, zeigt sich auch außerhalb der Bühne. Die AfD thematisierte im Vorfeld der Premiere die kommunale Förderung des Projekts und warf der Stadtverwaltung mangelnde Neutralität vor. Dass ein Theaterstück über rechte Gewalt selbst zum Gegenstand rechter Mobilisierung wird, ist mehr als eine kulturpolitische Randnotiz. Es zeigt, wie umkämpft Erinnerung, Verantwortung und gesellschaftliche Deutungshoheit sind. „Herrentag“ stellt deshalb eine unbequeme Frage: Reicht das Erklärungsmuster der traumatischen Nachwendeerfahrung tatsächlich aus? Oder verdeckt es nicht auch andere Kontinuitäten?

Theater Herrentag | Foto: Kammerspiele
Der Titel verweist dabei auf einen weiteren zentralen Aspekt: Männlichkeit. Denn neben rechter Ideologie verhandelt das Stück auch ein aggressives Männerbild, das Gewalt als Stärke inszeniert. Der „Herrentag“ wird zur Chiffre eines toxischen Kollektivs aus Alkohol, Enthemmung und Dominanzfantasien. Diese Form von Männlichkeit wirkt bis heute fort – nicht nur am rechten Rand.
Wie dringend diese Auseinandersetzung ist, zeigt sich besonders im Nachgespräch. Unter den Zuschauerinnen sitzen Menschen, die die damalige Gewalt selbst erlebt haben. Viele wirken sichtbar erschüttert, weil ihre traumatischen Erfahrungen jahrelang kaum öffentlich wahrgenommen wurden, weil ihnen ein Platz in der offiziellen Erinnerungskultur lange verweigert wurde und in gewisser Weise immer noch wird. Besonders jüngere Zuschauer*innen reagieren darauf mit Bestürzung: „Warum haben wir davon nie erfahren?“ Hier bekommt auch der Titel dieses Textes seine Bedeutung. „Nur ein Mensch?“ lehnt sich bewusst an den berühmten Zeit-Artikel „Nur ein Punk“ von Christoph Dieckmann an. In diesen drei Worten verdichtete sich damals die erschreckende Geringschätzung gegenüber den Opfern rechter Gewalt. „Nur ein Punk“ – als sei ein Mensch weniger betrauernswert, weniger schützenswert, weniger wertvoll, nur weil er zu einer bestimmten Subkultur gehört. „Herrentag“ zeigt eindringlich, wie tief diese Entwertung in den Alltag der 1990er Jahre eingeschrieben war – und wie sehr ihre Nachwirkungen bis heute fortbestehen.
Vieles wurde von Initiativen, antirassistischen Gruppen und Opferberatungsstellen dokumentiert, geschrieben, gefordert – oft gegen gesellschaftliche Widerstände. Ihre Arbeit kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. „Herrentag“ leistet ebenfalls einen wichtigen kulturellen Beitrag dazu. Doch Erinnerung allein genügt nicht. Sie braucht politische Konsequenzen.
Immer wieder ruft Kevin Schulz im Laufe des Abends: „Kann mal jemand die Polizei rufen?“ Ein Satz, der oft genug gerufen wurde – und viel zu oft ungehört blieb. Vielleicht hätten Menschen überlebt, wenn Hilfe gekommen wäre, wenn Betroffene geschützt und Täter gestoppt worden wären.
Doch der Satz verhallt.
Und gerade deshalb hallt er lange nach.

Theater Herrentag | Foto: Kammerspiele
Text: Angela Mund (bühnenfrei)
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