„Das Land hinter der Mauer“ heißt das erste Buch von Sophia Alt, das gerade frisch verlegt wurde. Magdeboogie hat die junge Autorin, die in Magdeburg lebt und schreibt, getroffen und  ein bisschen ausgefragt, über das Buch, ihre Recherche und natürlich über ihren Blick auf Magdeburg.


Erzähle gerne etwas über dein Buch – ohne zu Spoilern natürlich!

Ja, das kann ich gerne machen! In „Das Land hinter der Mauer“ geht es um Andreas, der mit einem sehr klaren Weltbild aufwächst: alles im Sozialismus ist gut und unterstützenswert, und alles hinter der Mauer, im Westen, schlecht. Dieses sehr schwarz-weiße Weltbild rührt daher, dass Andreas‘ Vater für die Staatssicherheit arbeitet. Dort wurde mit einem klaren Framing gearbeitet, von dem auch erwartet wurde, dass es auf die Kinder und die Familienmitglieder übertragen wird. Und da sein Vater Autorität über ihn hat, traut sich Andreas nicht, darüber hinaus zu denken.

Die Geschichte setzt ungefähr im Juni 1989 ein, als in China das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz stattfindet, das jetzt wieder trauriges Jubiläum hatte. Über dieses Massaker darf in China bis heute kaum gesprochen werden und Personen, die sich dafür einsetzen, es mehr in die Erinnerungskultur aufzunehmen, werden teilweise verhaftet. Dieses Ereignis führt in „Das Land hinter der Mauer“ dazu, dass Ronny, ein Klassenkamerad von Andreas, aufmuckt und die Scheinheiligkeit des Sozialismus zu dem damaligen Zeitpunkt in Frage stellt. Dadurch wird Andreas ein Stück weit aufgerüttelt und beginnt, Fragen zu stellen.

Das klingt auf jeden Fall sehr spannend! Was hat dich denn dazu inspiriert, dieses Buch zu schreiben?

Ich glaube, am Anfang war es Erstaunen darüber, dass mich vieles an Russland erinnert hat, als ich nach Magdeburg gekommen bin (Anm. d. Red.: Sophia Alt ist in Götzen in Hessen aufgewachsen). Meine Mutter kommt aus Russland und ich habe als Kind oft meine Ferien dort verbracht. Ich war dann manchmal mit im Kindergarten, in der Schule und in Ferienlagern und bin auch Zuhause in Deutschland durch Filme, Bücher und Serien durchaus mit der Sowjetkultur im Hintergrund aufgewachsen.

Dann kam ich nach Magdeburg, und obwohl ich natürlich auch davor schon mal im Osten war, zum Beispiel in Berlin und in Leipzig, fand ich, dass die DDR hier noch sehr viel spürbarer war; einerseits architektonisch, vom Stadtbild her, aber auch von der Art und Weise, wie die Menschen drauf sind. Und das hat mich sehr neugierig gemacht!

Im Sinne der alten nature-nurture-Debatte, also was war zuerst da, die Natur des Menschen oder das Umfeld, dachte ich: „Spannend, was haben denn 40 Jahre Sozialismus mit der DDR-Bevölkerung gemacht und sind da irgendwelche kulturellen Muster, die sich rausarbeiten lassen?“. Und dann hab ich mich auf die Suche nach Antworten gemacht!

Das Land hinter der Mauer

© Sophia Alt

Was denkst du nach dieser Recherche, warum das in Magdeburg noch so spürbar ist, und wie hat sich vielleicht dein Blick auf Magdeburg durch die Arbeit an dem Buch verändert?

Magdeburg war ein industriell wichtiger Standort und nach der Wiedervereinigung ist vieles erst mal weggebrochen. Auch einen Brain-Drain (Anm. d. Red.: Talentabwanderung, Abwanderung von Wissenschaftler*innen), wie wir ihn im Rahmen der Finanzkrise 2008 in vielen südeuropäischen Ländern beobachtet haben, gab es nach dem Mauerfall.

Ich glaube, in Berlin und in Leipzig gab es da schon wieder gegenläufige Bewegungen und Zuzug, in Magdeburg aber noch nicht so viel. Ich weiß nicht, ob du das noch hattest, aber bei mir gab’s noch Begrüßungsgeld, dafür dass man nach Magdeburg zieht (Anm. d. Red.: Das Programm „Magdeburger werden, studieren und kassieren“ gibt es noch immer)! Es beginnt erst jetzt so langsam, dass die Stadt viel investiert, zum Beispiel in Bauten, und dass die Uni sich gut aufstellt und Strukturen entstehen, die die Stadt auch langfristig lebenswert machen. 

Mein Blick auf Magdeburg hat sich durch die Arbeit an „Das Land hinter der Mauer“ auf jeden Fall verändert! Ich habe viel mit Menschen auf der Straße gesprochen und Eltern von Kommiliton*innen befragt.

Ich weiß noch, dass ich einmal im Stadtpark auf einer Bank saß und so Feuer und Flamme für dieses Thema war, dass ich einfach einen Opi, der neben mir saß, angesprochen habe: „Wissen Sie was, ich recherchiere grade, und es würde mich mal brennend interessieren, wie haben Sie das eigentlich damals wahrgenommen?“ Erst hat er mich skeptisch angeschaut, aber dann hat er erzählt. So habe ich mir dann nach und nach sehr viele Perspektiven erschlossen. Irgendwann bin ich dann durch die Stadt gelaufen und habe die Leute ganz anders angeschaut und mich zum Beispiel gefragt, wie alt sie waren, als die Grenze geöffnet wurde, und in was für einer Lebensphase sie sich befanden, als das ganze System zusammengekracht ist.

Teilweise hat mich während der Recherche auch Ehrfurcht erfasst. Es gibt Bilder, da stehen fast eine Millionen Menschen vor dem Dom, und es ist so ein Aufbruch spürbar. Dann dachte ich mir „Wow, da war echt viel Mut und Zuversicht damals“ und habe die Stadt, die Straßen und ihre Bewohner*innen dann durch diese Brille gesehen.

Gab es etwas bei deiner Recherche, was dich besonders überrascht hat, was du vielleicht so nicht erwartet hast?

Wie unterschiedlich die Perspektiven auf die DDR-Zeit sind! Ich habe echt alles gehört von „Boah, es war ganz schlimm und kaum auszuhalten“ bis hin zu „Doch, war eigentlich okay so“. Aber ich glaube, am meisten hat mich überrascht, wie wenig abzusehen der Mauerfall war, und dass das für die Leute in der DDR zu dem Zeitpunkt nicht unbedingt geil war.

Ich finde in dem westlichen Narrativ klingt das immer wie „Juhu, die Mauer fiel, die Leute haben getanzt und alle waren glücklich und froh“. Aber gerade auch die Leute aus der Bürgerrechtsbewegung meinten, dass sie den Mauerfall oft wie einen Einschnitt in der Entwicklung wahrgenommen haben. Ich glaube, man kann es sich so vorstellen: Die Energie und der Veränderungswille hatten sich so lange angestaut, wie in einem Kochtopf, und konzentrierten sich auf einen Punkt. Dann wurde die Mauer geöffnet, kaum vorbereitet und total ungeplant. Auf einmal haben diese Kräfte sich verstreut, wie Dampf, wenn das Ventil in einem überkochenden Kochtopf geöffnet wird. Es war dann total schwer, diese gebündelte Kraft, die davor da war, noch weiter in konstruktive Bahnen zu lenken. Die Bewegung hat sich aufgesplittet und es kam zu vielen Uneinigkeiten, zum Beispiel darüber, wie Ost- sich zu Westdeutschland positioniert. Das hat mich überrascht, weil wie gesagt, ich kannte nur dieses Narrativ von den tanzenden Menschen und dachte „Das war bestimmt voll cool für alle!“.

Ja das ist spannend! Das heißt die Bürgerrechtler*innen waren auch gar nicht alle so zufrieden mit dem, was am Ende daraus geworden ist?

Naja. Die Bürgerrechtsbewegung ging damals unter anderem im Bündnis 90/Die Grünen auf. Die Wahlen wurden dann in den März 1990 vorgezogen, und das Bündnis hat im Endeffekt knapp 3 Prozent geholt. Ich habe da auch noch mal einiges über die Dynamik von Revolutionen gelernt, und zwar dass die Leute, die auf die Straße gehen und etwas bewegen wollen, sehr selten diejenigen sind, die im Endeffekt an die Macht kommen. Wobei in den Gesprächen am Ende eigentlich alle Bürgerrechtler*innen gesagt haben: „Es ist gut so, wie es gekommen ist“. Also diese Ostalgie, von der ich gehört habe, dass es sie gibt, habe ich gar nicht so viel erlebt, oder selbst wenn sie da war, war gleichzeitig auch „es ist gut, wie es jetzt ist“ dabei.

Du hast dein Buch bereits bei einigen Lesungen präsentiert. Wie waren die Reaktionen der Zuhörenden und was für ein Publikum hat sich so für dein Buch interessiert?

Ich hatte bisher drei Lesungen. Eine war im in:takt, da hatte ich vor allem studentisches Publikum. Dort haben sich auch einige „Post-Ost-Kinder“ zu Wort gemeldet, also Nachgeborene der DDR-Generation. Sie haben berichtet, wie sie ihr Aufwachsen im ehemaligen Osten erlebt haben. Dabei sind sie auch in die Abgrenzung gegangen zu dem, wie es vielleicht im Westen war. Sie haben erzählt, wie es doch andere Geschichten gab, und was sie über die DDR so mitbekommen haben von den Eltern. Das fand ich sehr spannend, vor allem auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ein politisches System eine Gesellschaft auch nachhaltig und über Generationen hinweg prägt.

Dann habe ich gelesen von einer Stasi-Kinder-Selbsthilfegruppe. Mein Protagonist ist ja ein Stasi-Kind und dieses Thema ist sehr wenig erforscht. Es gibt darüber ein Buch von Ruth Hoffmann (Anm. d. Red.: Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat), über das ich auch auf dieses Thema gekommen bin. Ich habe dann im Internet nach redewilligen Stasi-Kindern gesucht und dann auch jemanden gefunden über diese Gruppe. Das war natürlich ein ganz anderes Publikum, weil die Zuhörer*innen direkt betroffen sind. Da waren die Reaktionen unterschiedlich, teilweise wurde mir auch mit Skepsis begegnet, ein bisschen nach dem Motto „Wer guckt sich da unser Thema an und wie wird das dargestellt?“. Da war ich auch sehr nervös. Aber eine Frau kam nach der Lesung zu mir und meinte, dass sie es schön findet, dass auf das Thema mal jemand einen Blick von außen drauf wirft und hilft, es zur Sprache zu bringen. Im Gespräch mit der Gruppe fand ich es dann sehr spannend, sich darüber auszutauschen, wie totalitäre Staaten, wie die DDR ja doch irgendwie einer war, bestimmte psychologische Muster hervorbringen. Dazu gehören zum Beispiel die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und dieses „Funktionieren müssen“.

Außerdem habe ich gelesen in der Gedenkstätte am Moritzplatz und das war auch noch mal ganz anders. Das Publikum war sehr gemischt, da waren Studierende, aber auch mittelalte ehemalige DDR-Bürger*innen, so ungefähr 40 Jahre plus. Da hat sich ein interessanter Diskurs ergeben zwischen zugezogenen Studierenden aus westdeutschen Bundesländern und Menschen, die die DDR erlebt haben.

Planst du, dich auch über das Buch hinaus mit dem Thema der deutschen Wiedervereinigung zu beschäftigen?

Gerade liegt mein Interesse tatsächlich eher bei den psychologischen Mustern, die es in diesem Staat gab, also dieser Aspekt des Totalitären, und wie der sich auf Familiendynamiken auswirkt. Darüber möchte ich gerne noch mehr erfahren.

Arbeitest du in der Richtung bereits an weiteren literarischen Projekten, auf die man sich freuen kann?

Ich mache zu diesem Thema gerade einen Radiopodcast, der auch im Uniradio läuft. Am Samstag (04.07.2020) um 15:00 Uhr läuft die erste Folge „Der Ostblog“. Da spreche ich mit Jean, der ein „Post-Ost-Kind“ ist, und wir wollen ein bisschen tiefer eintauchen in die psychologischen Strukturen des DDR-Staats.

Literarisch geht es bei mir gerade eher um Weiblichkeit und um das sexuelle Coming-of-Age von Frauen.

Auch sehr spannend! Ich hätte noch eine Frage zu Magdeburg. Wie schätzt du als junge Autorin die junge Literaturszene in Magdeburg ein? Und was wünschst du dir für ihre weitere Entwicklung?

Ich fänd’s schön, wenn es mehr Möglichkeit für junge Autor*innen gäbe, sich zu zeigen und sich zu vernetzen, beispielsweise in Form von Lesebühnen oder Schreibkreisen, die auch öffentlich ausgeschrieben sind und sich nicht nur untereinander formen. Ich finde, das in:takt macht das schon schön, die haben manchmal Schreibworkshops, die eine coole Möglichkeit sind, um andere Schreiberlinge anzutreffen.

Seitens der Stadt würde ich mich freuen, wenn es Unterstützung für junge Autor*innen geben würde. Es gibt zwar das Stadtschreiber-Stipendium, aber dafür braucht man schon veröffentlichte Bücher und ein Renommee. Wie sieht es denn mit jungen Künstler*innen aus, die gerne hier bleiben und weiter Kunst machen würden, und dazu beitragen wollen, dass die Stadt kulturell an Wert und Bekanntheit gewinnt?

Das Buch „Das Land hinter der Mauer“ könnt ihr hier bestellen. Dort findet ihr außerdem Prosa, Lyrik und Reportagen der jungen Autorin, die in Magdeburg Philosophie und Neurowissenschaften studiert hat und unter anderem den „Salon Magdeburg“ mitorganisiert.

Sophia ließt aus ihrem Buch am 10. Juli im Freiraumlabor auf dem Breiten Weg und am 10. September im Buckau-Laden auf der Ernst-Reuter-Allee. Außerdem plant sie Lesungen in verschiedenen anderen deutschen Städten.

© Sophia Alt