Vitopia Projekt Eingang

Die Vitopia-Genossenschaft im Gespräch über die Anfänge, das gemeinsame Anliegen und den Aufbau des Café Verde

“Seid selber in der Welt die Veränderung, die ihr sehen möchtet”, mit einem Zitat von Ghandi antwortet Joris Spindler uns auf die Frage, was die Gemeinschaft bei Vitopia zusammengeführt hat. Er ist Mitglied der Genossenschaft und erzählt uns bei einem anregenden Gespräch inklusive Führung über das wilde Vitopia-Gelände allerlei über das Projekt, die Anfänge und die Visionen für die Zukunft. Es wurde gemeinsam Wohnraum geschaffen, der aktuell weiter ausgebaut wird. Ein großer Seminarraum ist geplant und schon entstanden ist ein Café im Park – das Café Verde – mit Möglichkeit zur Sonderbuchung zum Beispiel für Geburtstage, Firmenfeiern und Arbeitsgruppenklausuren. Im Garten des Cafés haben wir uns für dieses Interview getroffen.

Interview mit Joris
Interview mit Joris

Die Anfänge von Vitopia

Gemeinschaft ist sehr wichtig bei Vitopia, eine Gruppe von acht Menschen, die ein gemeinsames Ziel verbindet. Ausgangspunkt war der Wunsch nach vielen, möglichst ökologischen, Veränderungen für das alltägliche Leben. Bei den Gestaltungsmöglichkeiten in den jeweiligen Mietswohnungen, war bei allen gemeinsam eine große Unzufriedenheit. Es fehlte der Garten mit Platz für Feste, Gemüsebeete, Lagerfeuerstelle und Sandkasten. Für eigene Kunst auf den Wänden, für Bänke, sichere Fahrradparkplätzen und anderen Veränderungen im Außenbereich bedurfte es immer der Zustimmung der Vermieter. Auch die Wahl der Heizungsart oder der verwendeten Baumaterialien für den Wohnungsbau waren durch die Vermieter vorgegeben. Diese fanden die Anliegen aber nicht wichtig und waren zudem teilweise gar nicht ansprechbar, weil sie in einer ganz anderen Stadt lebten. Das Einfamilienhaus auf dem Land als Alternative kam nicht in Frage, nicht zuletzt weil dadurch viel weitere Wege zurückgelegt werden müssen und eine Abhängigkeit vom Auto-Verkehr entsteht. Darum machte sich die Gemeinschaftsgruppe auf die Suche nach einem Haus in der Stadt mit Platz für Viele.

Die Suche nach einem Haus und der Aufbau eines Cafés

Zu der Zeit als die Gruppe auf der Suche nach geeigneten Häusern in Magdeburg war, waren ganz unterschiedliche Objekte in der Auswahl. Es gab auch ein großes altes Schulgebäude, was sich die Gemeinschaft ansah, dabei gab es aber die klare Entscheidung ein Objekt zu suchen, was zur aktuellen Größe der Gemeinschaft passte. Zu dieser Zeit wollte die Stadt das alte Gärtnergesellenhaus im Herrenkrugpark verkaufen. Das Haus passte von der Größe her gut und wurde in einer Art „Konzeptvergabe“ ausgeschrieben, bei der die Pläne der zukünftigen Besitzer mit in Auswahlprozess einbezogen wurden. Neben dem notwendigen Platz fürs Wohnen war für die Gruppe war von Anfang an klar, dass sie nicht nur „anders“ vor sich hin leben will. Die mögliche Veränderung in der Welt sollte auch für andere erfahrbar gemacht werden. Aus dieser Idee ist im Herrenkrug das Café im Park – das Café Verde – entstanden, das mit vereinten Kräften mit viel Eigenleistung ausgebaut wurde. Es gibt dort ein möglichst regionales, biologisches und faires Getränke- und Speisenangebot, das Café Verde wird betrieben durch die Vitopia Genossenschaft.

Was bedeutet Vitopia?

Der Name Vitopia geht zurück auf Wort “Vita” – das Leben – und das Wort “Topos”, was Ort bedeutet – zusammengesetzt also der Lebensort. Für Viele liegt wohl die Verbindung zu dem Wort “Utopie” noch recht nahe, das ist allerdings der “unerreichbare Ort” und Vitopia ist ein konkreter und existierender Ort. Das genossenschaftlich organisierte Café Verde an diesem Platz ist – auch ganz entsprechend seinem Namen – für viele Besucher eine grüne Oase in der Stadt.

Das gemeinsame Anliegen

Grüne Oasen in Städten sind aber eher die Ausnahme. Mehr und mehr Autos fahren in Deutschland, ihre Anzahl hat sich in den letzten fünfzig Jahren verzehnfacht. Gleichzeitig werden zu viel fossile Ressourcen verbraucht um die Welt dauerhaft lebenswert zu erhalten, niemand bestreitet mehr ernsthaft den bevorstehenden Klimawandel. Die Einwohner der Industrieländer auf der Nordhalbkugel der Welt haben dabei eine besonders hohe Verantwortung. Weltweit brauchen die Einwohner des globalen Nordens, die zwanzig Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, die Hälfte der weltweiten fossilen Energieressourcen, diese werden aktuell übernutzt und sind die Hauptursache des Klimawandels.

Wie kann ein gutes Leben gelingen, das mit weniger fossilen Energieressourcen auskommt? Dieser Frage versucht die Gemeinschaft bei Vitopia nachzugehen in einer Art Real-Labor. Durch gemeinsame Nutzen bzw. die gemeinsame Organisation von Dingen wie etwa beim Auto-Teilen, bei der gemeinsamen Nutzung von Lastenrädern, Waschmaschinen und der Nutzung einer gemeinsamen Küche. Die Treibhausgasemissionen der gesamten Gemeinschaft können so um 66 % verringert werden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Ein gemeinschaftliches Leben ist nicht Grundvoraussetzung für diese Einsparung.

Gemeinschaftlich können allerdings unkomplizierter Alltagsdinge für viele Lebensbereiche organisiert werden. Dafür bräuchte es ansonsten einzelne Organisationsformen bzw. Mitgliedschaften, wie zum Beispiel beim Car-Sharing, einer Food-Coop, beim Lastenradverleih. Gemeinsam kann man dazu noch die Unterschiedlichen Kompetenzen der Menschen in der Gemeinschaft nutzen und ein gemeinsames Netzwerk bauen. Durch ein Netzwerk an Menschen kann etwas ganz Besonderes und Neues entstehen, was mehr ist als die Summe seiner Teile. Vitopia hat 2015 den Umweltpreis der Stadt Magdeburg bekommen für die praktischen Umsetzungen zur CO2 Reduktion.

Wie wird das gemeinsame Anliegen konkret umgesetzt?

Dieses Netzwerk wird verbunden durch zahlreiche inhaltliche und kulturelle Veranstaltungen im Café Verde. Die Konzerte und Ausstellungen bei Vitopia werden regelmäßig sehr gut besucht, sogar Konstantin Wecker war schon zu Gast am Nachmittag vor einem Konzertauftritt in Magdeburg. Inhaltlich geht es um Fragen Themen wie Post-Fossile Mobilität, (Post-Militärische) Friedensarbeit und auch um Post-Wachstumsökonomie. Die Aktiven bei Vitopia gehen dabei über die gefühlte Wahrheit der Post-Faktischen Gesellschaft hinaus indem regelmäßig Experten zu Gast sind und eine kritische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Themen erfolgt. Der Postwachstumsökonom Niko Paech ist Mitglied der Vitopia Genossenschaft geworden, weil er die Verbindung von inhaltlicher Arbeit und dem konkreten Leben im Alltag bei Vitopia so spannend findet.

Die genannten Veranstaltungen finden neben den regelmäßigen Wochenend-Öffnungszeiten mit dem regulären Cafébetrieb statt. Die Nachfrage für die Nutzung des Cafés bei Vitopia unter der Woche u.a. für Seminare und Arbeitsgruppenklausuren ist stetig steigend. Um dem Bedarf auch zukünftig gerecht zu werden und Platz zu schaffen für größere Gruppen, soll das denkmalgeschützte ehemalige Überwinterungshaus für Pflanzen auf dem Vitopia Gelände ausgebaut werden. Das ist auch wichtig, weil es bei gemeinsamen Treffen der Vitopia Genossenschaft schon mal eng werden kann, da inzwischen über achtzig Mitglieder aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland zur Genossenschaft gehören. Weitere Mitglieder in Verein und Genossenschaft sind natürlich herzlich willkommen.

Kann man noch bei Vitopia mitmachen?

Natürlich, Vitopia ist ja ein Ort für die Menschen gedacht, die was bewegen wollen. Das geht auf vielfältiger Weise. Der aktuell verfügbare Wohnraum für die Gemeinschaft ist voll belegt, aber das Gemeinschafts-Netzwerk bei Vitopia kann weiter wachsen. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, um an das Gesamtprojekt anzudocken und es mitzugestalten. Es gibt offene Formate zur Mitarbeit sowie eine erste Möglichkeit zum Kennenlernen beim Flohmarkt oder dem Gartentag. Eigene Veranstaltungen können nach Absprache bei Vitopia durchgeführt werden. Die Reichweite des Projekts kann mit einem kleinen Beitrag vergrößert werden, zum einen durch eine Mitgliedschaft im Verein – für fünf Euro pro Monat – und zum anderen durch eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft mit 200 Euro einmaliger Beteiligung. Denn eins ist sicher sagt Joris Spindler zum Schluss des Interviews: „Gemeinsam kann man viel bewegen“.

Informationen über Vitopia im Internet unter: www.vitopia.de |
facebook: https://www.facebook.com/pages/Vitopia-Projekt/196856943808573
Mehr zum Cafe Verde: https://de-de.facebook.com/CafeVerde.MD/
Aktuelle Informationen und Neuigkeiten per mail gibt’s im Vitopia Newsletter (ca. 6 mal jährlich)
Bei Interesse einfach eine mail schicken an: newsletter@vitopia.de

Herrenkrugbrücke

Interview: Viktoria und Nadia

Fotos: Nadia

About Viktoria Schackow

Viktoria ist ganz ohne Rosen und RTL 2017 Bachelorette geworden. Darüber hinaus hat ihre Stimme so viel Bariton, dass sie eigentlich jeden Bud-Spencer- Synchronisationscontest gewinnen könnte - doch stattdessen nutzt sie die Tiefen ihres Kehlkopfes lieber, um uns mit ihrem herzhaften und ehrlichen Lachen anzustecken. Bei Magdeboogie ist sie darüber hinaus auch noch als Event-Trüffelschwein unterwegs und tanzt mindestens auf fünf Partys pro Wochenende gleichzeitig.

One thought on “Vitopia und das Café Verde – einmal Kurzurlaub, bitte!

  1. Super! Schöner Artikel, schönes Projekt!
    See you im Herrenkrug!
    #RefugeesWelcome
    Für eine lebendigere Gesellschaft und menschlicheres Miteinander – bolo bolo 😉

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