Das Theater Magdeburg lädt in Kooperation mit dem Literaturhaus Magdeburg und dem Institut für Neue Soziale Plastik zu der Veranstaltung „Erinnern, Vergessen, Schweigen: Antisemitismus in Ost und West“ in die Kammer 2 des Schauspielhauses ein. Die Autorinnenlesung mit Stella Leder und Katharina Peter, ursprünglich für den 16.01.2024 geplant, muss krankheitsbedingt in den April verschoben werden. Sobald ein neuer Termin feststeht, werden wir ihn auf unserem Blog veröffentlichen!

Buchcover: Stella Leder „Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten“ (l.) und Katharina Peter „Erzählung vom Schweigen“ (r.)

Seit der Spielzeit 2022/23 gibt es immer wieder Kooperationsveranstaltungen zwischen dem Theater Magdeburg und dem Literaturhaus Magdeburg. Fast monatlich sind vielseitige Stimmen der Literaturszene in den Räumlichkeiten des Schauspielhauses zu erleben.
Wie kam es zu dieser fruchtbaren Zusammenarbeit und was schätzt ihr als Theater Magdeburg und als Literaturhaus Magdeburg so sehr daran?

Bastian Lomsché, Dramaturg und Schauspieldirektion:
»Als wir in Magdeburg [2022] angekommen sind, haben wir mit vielen Kultureinrichtungen Kontakt aufgenommen und uns vernetzt. Mit dem Literaturhaus war es von Beginn an eine Art Symbiose. Literatur steht im Zentrum unseres Interesses. Das Literaturhaus hat hervorragende Kontakte in die Literaturwelt, wir kennen einige Autor:innen aus der gemeinsamen Arbeit und haben verschiedene Bühnen mit unterschiedlichen Platzkapazitäten. Eine absolute Win-Win-Situation, die uns tolle Gäste und Texte beschert hat wie Saša Stanišić, Charly Hübner, Ulrike Draesner oder Heinz Strunk.«

Sarah Thäger, Leiterin des Literaturhauses Magdeburg:
»Durch die Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus haben wir als Literaturhaus die Möglichkeit bekommen, auch größere Veranstaltungen in der Innenstadt zu organisieren. Unsere Räume im Literaturhaus sind doch etwas begrenzt.
Das Schöne an der Zusammenarbeit ist, dass sich einige Veranstaltungen als sehr nachhaltig erwiesen haben. Beispielsweise ist durch die Lesung von und mit Saša Stanišić, die wir gemeinsam organisiert haben, eine weitere Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus entstanden, aus der die Uraufführung der Schauspielproduktion „Wolf“ entstanden ist.«

Die Doppellesung am 16. Januar ist die erste Kooperationsveranstaltung im neuen Jahr und eingebettet in die Aktionswoche „Eine Stadt für alle“.

Bastian Lomsché:
»Es ist notwendig, am 16.01., dem ›Jahrestag des Gedenkens an die Zerstörung Magdeburgs‹, über Antisemitismus zu sprechen, über das Vergessen und Verdrängen.«

            Stella Leder © Paula Winkler

Stella Leder wurde 1982 in Westberlin geboren, studierte Kultur- und Literaturwissenschaften in Berlin und ist für verschiedene Nichtregierungsorganisationen zu den Themen Antisemitismus, Gender und Rechtsextremismus sowie als freie Dramaturgin und Autorin tätig. In ihrem Roman „Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten“ gibt sie Einblicke in ihre deutsch-jüdische Familiengeschichte. Sie erzählt, wie sie als Jugendliche von Nazis davon gelaufen ist, wie sie in der Schule für die Politik Israels verantwortlich gemacht wurde und wie sie den Antisemitismus in den eigenen familiären Reihen auf die Spur kam. Ihre Geschichte wird stets von der Frage begleitet, inwieweit wir in Deutschland einen Umgang mit unserem eigenen Antisemitismus gefunden haben.

Bereits im Oktober hätte Stella Leder im Schauspielhaus aus ihrem Buch lesen sollen. Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober ließ eine Durchführung nicht zu. In Absprache mit der Autorin wurde die Lesung nicht nur verschoben, sondern um eine weitere Lesung und ein Gespräch mit der Autorin Katharina Peter erweitert.

Wir haben Katharina Peter gefragt, wovon ihr Roman erzählt und was ihr das Schreiben in den aktuellen Zeiten bedeutet …

1. Katharina, stell dich und deinen Roman bitte einmal so vor, mit all den Dingen, von denen du findest, dass andere Menschen sie von dir wissen sollten.

Katharina Peter:
»Mein Name ist Katharina Peter, ich wurde 1980 in einer kleinen Kurstadt in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. In meiner Jugend träumte ich als Synchronschwimmerin von Olympia, es zerschlug sich. Auf der Oberstufe in Frankfurt kam ich mit Theater, Philosophie und Literatur in Kontakt. Ich zog nach Berlin, stürzte mich ins Theater, studierte „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste und schrieb Stücke und Hörspiele. Ich bekam zwei Kinder, heiratete und zog nach Hannover. Dort konnte ich in Ruhe meinen ersten Roman schreiben, der 2023 unter dem Titel >Erzählung vom Schweigen< bei Matthes und Seitz veröffentlicht wurde.

Im Zentrum meines Romans steht die Erzählerin Karolina Estor, die aufdecken will, wie sehr ihr eigenes Leben geprägt ist von den verschwiegenen Erzählungen der Eltern und Großeltern. Ihre exzentrischen 68er-Eltern lernt sie erst wirklich zu verstehen, als sie sich mit dem verleugneten Nazi-Erbe ihrer Großeltern und Urgroßeltern auseinandersetzt. Das Aussprechen der erlebten und tradierten Gewalt ist für sie ein kathartischer Akt, der durchaus aggressiv ist.«

2. Hast du eine Lieblingsstelle im Roman, eine Situation oder einen Konflikt zum Beispiel, die du aktuell in jeder Lesung anbringen würdest?

»Mein Roman hat sehr viele Settings, neben dem Hauptthema gibt es auch ein Kapitel über das Synchronschwimmen, eines über das Theater, eines das in der Psychiatrie spielt, dazu die vielen verschiedenen Figuren aus allen Generationen. Ich lese gerne unterschiedliche Stellen, die ich auf das jeweilige Publikum und das Thema der Veranstaltung abzustimmen versuche.«

3. Was fühlst du gerade mit Blick auf das aktuelle Geschehen in der Welt, aber auch vor der eigenen Haustür?

»Ich fühle Verzweiflung und große Trauer. Gewalt, Vernichtung und Krieg an so vielen Orten auf der Welt gleichzeitig, dazu soziale Ungerechtigkeit hier und global, Verachtung von demokratischen Werten, Meinungsfreiheit und Toleranz; nicht zu sprechen von der Zerstörung unserer Lebensgrundlage unter dem als alternativlos akzeptierten Wachstums-Paradigma. Die Abwesenheit von versöhnenden Narrativen ist schwer zu ertragen, die Rhetorik der Abwertung. Gleichzeitig fühle ich eine Verantwortung zu hoffen, eine Pflicht zur Zuversicht.«

4. Was bedeutet dir das Schreiben?

»Das Schreiben ist eng mit meinem Leben verwoben, ich brauche es wie ein Organ, die Sprache hilft mir, zu verstehen, zu verarbeiten. Wenn ich nicht schreiben kann, weil ich den Faden verloren habe, bin ich unglücklich.«

5. Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

»Sicherheit für alle Menschen, Gesundung von Tier- und Pflanzenwelt, eine durch Kunst- und Kultur verbundene Welt.«

Katharina Peter © Katrin Ribbe

Die Literaturwissenschaftlerin Anja Thiele wird den Abend moderieren. Sie hat 2020 mit einer Forschungsarbeit zur Shoah in der Literatur der DDR promoviert und arbeitet schwerpunktmäßig zu Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Wir freuen uns sehr, dass das Theater und das Literaturhaus diese drei Menschen für eine gemeinsame Veranstaltung gewinnen konnten, dass wir ihren Stimmen und ihren Texten lauschen und mit ihnen darüber ins Gespräch kommen können.

Weitere Informationen zu dieser sowie weiteren Lesungen und Projekten gibt es auf den Websiten des Theater Magdeburg und des Literaturhauses Magdeburg.

Wir danken Bastian Lomsché, Sarah Thäger und Katharina Peter für ihre Auskünfte!