Nico Semsrott, der wohl traurigste Komiker der Welt, kommt am 01.12. mit seinem Programm „Freude ist nur ein Mangel an Information“ nach Magdeburg. Wir haben mit ihm gequatscht, über das Demotivieren, das Scheitern und die Dummheit von Nationalstaaten. Hier gibt es übrigens auch noch Karten zu gewinnen.

Du bist am 1.12. in Magdeburg. Was fällt dir als erstes zu dieser Stadt ein?

Lustigerweise glaube ich meine Auftrittsorte. Ich war ein paar Mal in der grünen Zitadelle in dem Hundertwasserhaus. Und sonst ehrlich gesagt habe ich nicht so viel Zeit in Magdeburg verbracht. Aber ich habe gerade noch mal was über den Dreißigjährigen Krieg gelesen und mir gedacht „Alter Schwede, Magdeburg hat’s echt übel erwischt.“

Dein Programm heißt „Freude ist nur ein Mangel an Information“. An welchen Informationen mangelt es denn im Fall von Freude?

Ich würde sagen, Leute, die sich zu viel freuen, beschäftigen sich zu wenig mit der Nachrichtenlage und der Politik im Allgemeinen. Und dafür bin ich dann da, als Demotivationstrainer. Um einfach detailliert mit Power Point Präsentationen zu zeigen, wie schlimm das wirklich ist.

Das bringt mich auch gleich schon zur nächsten Frage, du bezeichnest dich ja selbst als Demotivationstrainer. Wieso möchtest du Menschen demotivieren?

Um ehrlich zu sein, möchte ich das mittlerweile gar nicht mehr, weil die Politik das von alleine schon kann. Ich möchte eigentlich nur noch Nazis demotivieren. Früher war es mal mein Ziel den Kapitalismus abzuschaffen, indem ich alle zum Nichtstun bewege, aber ich hab gemerkt, dass mittlerweile der Rechtsruck ein größeres Problem ist als der Kapitalismus.

Du hast letztes Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen und auch sonst behauptet die Presse regelmäßig, du wärst mit das Lustigste, was die Kabarettszene zu bieten hat. Ist das dein Ziel, lustig zu sein?

Ja, das ist tatsächlich so, dass ich mich da an manchen Stellen missverstanden fühle und mir so denke „Hä, das war doch jetzt gar nicht lustig, warum lacht ihr?“ Aber es gibt auch andere Stellen, da setze ich das bewusst ein und versuche tatsächlich, die Leute über das Lachen zu manipulieren.

Du wirst ja in Magdeburg in der Uni deinen Vortrag halten. Du hast mal 6 Wochen Soziologie und Geschichte studiert. Warum hast du das abgebrochen?

Weil ich mir, glaub ich, damals schon gedacht habe, dass es viel besser ist, vorne zu stehen. Und dass der einfachste Weg nach vorne in so einen Audimax ist zu kommen der Weg übers Fernsehen ist.
Nein, ich habe einfach ein großes Autoritätsproblem und lasse mir ungerne etwas sagen. Die beste Autorität, der ich mich unterordnen kann, ist das Publikum.

Würdest du nochmal studieren? Und wenn ja was?

Nein. Mir ist auch gestern aufgefallen, weil ich da auch schon in einem Hörsaal aufgetreten bin, dass ich mittlerweile häufiger in Hörsälen aufgetreten bin, als ich damals als Student da war.

Gute Quote!

Ja, das finde ich auch.

Du hast ja auch Recht, es geht ja nichts über außeruniversitäres Lernen. Hast du denn eine Weisheit, die du uns allen mit auf den Weg geben würdest? Die man vielleicht nicht in der Uni lernen kann?

Ich würde sagen, jede Entscheidung ist der Tod von Milliarden von Möglichkeiten.

Du kandidierst für DIE PARTEI bei der Europawahl 2019. Was sind so deine Ziele im Europaparlament?

Ich würde gerne die Demokratie in Europa einführen, notfalls gegen den Willen der Bürger. Und ich würde gerne Austrittsgespräche starten mit den Ländern Österreich, Ungarn und Polen.

Wo wir gerade schon bei Politik sind. Politik und die AfD sind oft Thema bei dir. Wieso bist du der Meinung, dass das auf die Bühne muss?

Weil es nichts unlustigeres und humorloseres gibt als Faschisten und Nazis und weil man sie nicht besser bekämpfen kann als über Humor. Also wenn man lacht, dann hat man keine Angst mehr und deswegen ist es wichtig, über die zu lachen. Weil ihr Mittel der Politik ja Angst und Einschüchterung ist.

Sollten wir selbst politisch aktiv werden? Und wenn ja wie?

Ja, das ist die große Frage, rein theoretisch sind die Parteien ja das Mittel, um in der Demokratie Macht auszuüben. Und das ist der Punkt, an dem ich auch verzweifel.

Wenn du etwas ändern könntest am politischen System, was wäre das?

Ich würde die Art der Teilhabe ändern, also man müsste sozusagen die Parteien als Ort der politischen Macht oder der Machtbildung irgendwie ändern. Man müsste sozusagen auf kleinster kommunaler Ebene die Leute zum Mitentscheiden bewegen. Dann müsste man alle Nationalstaaten abschaffen. Und dann müsste es noch die europäische Ebene geben. Ich glaube, das macht sehr viel Sinn. Kommunal, um jedem klar zu machen: „Krass, wenn ich mich mit drei Leuten zusammenschließe, dann kann ich etwas verändern. Cool, das hier ist meine Heimat, die gestalte ich mit.“, Und Europa unbedingt, weil man den Diktatoren aus China und bald auch den USA irgendein demokratisches Konzept entgegensetzen muss. Und das kann man nur, indem man sich zusammenschließt. Also wie dumm ist Ungarn zum Beispiel, dass es so hin zum Nationalstaat will. Facebook interessiert sich ja nicht für Ungarn. Facebook interessiert sich nur, wenn 500 Millionen Europäer sich zusammenschließen. Dümmer als diese kleinen Nationalstaaten kann man garnicht sein, im Gegensatz zu diesem globalen Unternehmen. Zuckerberg ist ja neulich auch ins Europaparlament gegangen, obwohl Theresa May und das britische Unterhaus ihn auch eingeladen haben, und die waren total erstaunt, dass er nach Straßburg gegangen ist und nicht nach London. Das ist genau der Beweis. Also wie doof kann man sein.

Noch mal zu einem anderen Thema, du hast das Museum des Scheiterns ins Leben gerufen. Was ist die Idee dabei?

Das ist zwischenzeitlich auch schon wieder gescheitert. Die Idee ist, Menschen klar zu machen, dass Scheitern total normal ist und möglichst humorvoll ranzugehen, erst mal natürlich über den deutschen Klassiker Schadenfreude, aber dann auch deutlich zu machen, dass wir alle in einer Erfolgsgesellschaft leben, dass wir alle unter einem krassen Leistungsdruck stehen, und dass wir gar nicht alles schaffen können, was wir uns da selbst auferlegen.

Und deshalb sollten wir alle mehr scheitern?

Nein, ich meine Scheitern macht ja überhaupt gar keinen Spaß, es ist scheiße, das will auch keiner. Das kann man auch nicht ändern. Ich glaube, es ist tief in uns Menschen angelegt, wir wollen nicht scheitern. Aber man kann das harsche Urteil der Gesellschaft mindern, indem man sagt: “ Hey, komm, wir scheitern alle, nicht so schlimm. Komm, versuchs noch mal.“ Das wäre mein Ansatz.

Man kann ja auch selbst Einsendungen schicken an das Museum des Scheiterns. Über welche Einsendungen von uns würdest du dich freuen? Oder sollten wir lieber nichts einsenden, damit die Idee auch so richtig schön scheitert?

Mir fehlt immer noch ‘ne Kirchenaustrittsurkunde.

Noch eine Frage zum Abschluss: Warum sollten wir alle im Dezember zu deinem Vortrag kommen?

Weil es nichts deprimierenderes gibt, worüber man auch lachen kann.

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