Hallo in die Runde und erst einmal vielen Dank, dass ihr bereit seid für ein Gespräch über euer neues Projekt. Ihr seid eine neu gegründete Initiative in Magdeburg und wollt ab Januar 2021 das Ladengeschäft des Café Centrals übernehmen. Was habt ihr in Zukunft mit diesen Räumen vor?

Wir wollen dort einen offenen Aufenthalts-, Vernetzungs- und Begegnungsort schaffen. Also weg von einem kommerziellen Kneipenangebot hin zu einem unkommerziellem Frei- und Gestaltungsraum. Dies bildet die Grundlage des Kiezladens. Darauf aufbauend wollen wir Angebote in den Bereichen Kultur, Stadtgestaltung, politische Bildung und Beratung etablieren. Dieser ganzheitliche Ansatz ist ein zentraler Bestandteil unserer Idee von einem Kiezladen am Hassel. Durch Angebote aus diesen Bereichen wollen wir Menschen zusammenbringen und vor allem auch Einfluss auf kommunalpolitische Debatten am Hasselbachplatz zu nehmen. Wir wollen Menschen einladen Zusammenzukommen, einander Kennenzulernen, sich politisch Einzumischen und aktiv ihre Lebenswelt Mitzugestalten.

 Das klingt spannend. Wie seid ihr zu diesen Ideen gekommen und habt ihr schon Erfahrungen in diesen Bereichen gesammelt?

Die meisten von uns sind bereits in verschiedenen sozialen und ökologischen Bewegungen in Magdeburg politisch aktiv. Manche sind gut vernetzt in der kulturschaffenden Szene, manche in sozialen Projekten. Es fehlt ein zentraler fester Ort, an dem diese Ressourcen und Erfahrungen gebündelt werden können und bestehende Netzwerke erweitert bzw. neue entstehen können. Speziell in Magdeburg stoßen die aktivistischen Strukturen oft an ihre Kapazitätsgrenzen. 

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt ist der Hasselbachplatz. Hier treffen täglich so viele Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten aufeinander, das birgt ein riesiges Potential für eine vielfältige und solidarische Community. Mit dem Laden wollen wir ihr den Raum geben entdeckt und gestärkt zu werden. Gerade hier sehen wir es als relevant an, den Menschen eine Anlaufstelle zu bieten.

Vielleicht ganz kurz: Der Hasselbachplatz hat ja bei manchen Magdeburger*innen mittlerweile ein ganz schön angekratztes Image. Seht ihr das auch so? Wo seht ihr die größten Herausforderungen der nächsten Zeit, um diesen Ort wieder schöner zu machen?

Vorneweg: Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, dass „angekratzte“ Image des Hasselbachplatzes aufzupolieren. Wir wollen den Ort auch nicht unbedingt schöner machen, damit mehr Menschen die gastronomischen Angebote nutzen. Dafür wurde ja die Stelle des Hasselmanagements geschaffen. Trotzdem sehen wir verschiedene Herausforderungen in Bezug auf den Hassel. Eine davon hat auch mit der baulichen „Verschönerung“ des Hasselbachplatzes zu tun. Gerade durch ein Bauprojekt wie das neue “Domviertel” und die damit neu geschaffenen Eigentumswohnungen wird eine Gentrifizierung des Stadtteils vorangetrieben. Also das Risiko steigt, dass durch den Bau von höherpreisigen Eigentumswohnungen, die Mieten im Stadtteil ansteigen und Menschen mit geringem Einkommen verdrängt werden oder sich den Zugang aufgrund der höheren Mieten nicht leisten können. Das bisherige Bemühen, den Hasselbachplatz attraktiver zu gestalten, richtete sich dementsprechend in erster Linie an eine privilegierte Gruppe von Menschen, was wir kritisieren.

Ein neuer Kiezladen am Hasselbachplatz will ab Januar 2021 durchstarten. © Oliver Wiebe

Eine weitere zentrale Herausforderung am Hasselbachplatz stellen aus unserer Sicht die von reaktionären Kräften geforderte Ausweitung von ordnungspolitischen Maßnahmen, wie wie zum Beispiel das von 2008 bis 2010 verhängte Alkoholverbot dar. Dadurch sollten vor allem die ungewollten Nebeneffekte des Nachtlebens, wie Lärm, Müll, Vandalismus und Gewalt unter Alkoholeinfluss eingedämmt werden um die Sicherheit der Bürger*innen zu verbessern. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Einrichtung einer „Stadtwache“, ein Zusammenschluss aus Ordnungsamt und Polizei, wofür 32 neue Stellen geschaffen wurden. Dies legt im Vergleich zu einer neuen Stelle für das Hasselmanagement offen, dass eine Mehrheit von stadtpolitischen Entscheidungsträger*innen aktuell ordnungspolitische Maßnahmen am Hasselbachplatz fokussiert. Auch hier müssen wir hinterfragen, für wen diese Sicherheit gelten soll. Denn gerade marginalisierte Gruppen wie BIPoC oder wohnungslose Menschen, die zudem in vielen Fällen auf den öffentlichen Raum als Aufenthaltsmöglichkeit angewiesen sind, sind aufgrund von Racial Profiling überproportional von Polizeikontrollen betroffen. Deswegen sind unserer Meinung nach diese Maßnahmen nur eine verdrängende, kurzsichtige und keine nachhaltige Bearbeitung von Konflikten am Hasselbachplatz. Vielmehr sollte der Fokus darauf liegen, die Teilhabemöglichkeiten der Menschen zu erweitern, die sich am Hassel aufhalten, um das soziale Miteinander zu stärken. 

Ebenfalls wird in einigen Medien immer wieder das Schlagwort „Kneipensterben“ verwendet, wenn eine Kneipe am Hasselbachplatz schließt. In unserer Wahrnehmung ist diese Formulierung eine Zuspitzung, die nicht immer haltbar ist, da im Gegenzug auch neue Kneipen- oder Gastronomieangebote hinzukommen. Allerdings sollten die Barbesitzer*innen mit ihren Existenzsorgen von der Kommunalpolitik gehört werden und von der Stadtverwaltung konkret unterstützt werden, indem sie beispielsweise den Gehweg oder Parktaschen vor ihrer Bar – gerade in der Corona-Zeit – als Terrasse nutzen können. Andere Kommunen in Deutschland sind da schon deutlich weiter als Magdeburg.

Was steht hinter eurem „partizipativen Ansatz“ den Laden zu bespielen?

Es geht uns darum, dass Menschen mit ihren eigenen Ideen und Vorstellungen zu uns kommen können und sich den Raum, den wir zur Verfügung stellen, selbst aneignen. Wir möchten allen eine Möglichkeit bieten, die Stadt politisch und kulturell mitzugestalten; dabei sprechen wir insbesondere marginalisierte Personengruppen an. Zu unserem Ansatz gehört auch, dass wir die Hierarchien, die es natürlicherweise in einer Gruppe gibt – sei es in Bezug auf Wissensunterschiede oder Vereinspolitik – zu reflektieren und Machtasymmetrien dadurch zu minimieren. Wir möchten Menschen empowern und zu selbstbestimmten Handeln anregen. Verschiedene Gruppen können sich selbst organisieren, sich untereinander vernetzen. Wir sind also auch ein möglicher Knotenpunkt für Aktivismus und Netzwerkarbeit.

Ihr habt viel vor. Ihr wollt Begegnungsstätte für Hilfesuchende sein, einen Raum für Konzerte oder auch Lesungen geben und zugleich ökonomische Zwänge überwinden. Wie wollt ihr das alles unter einen Hut bekommen? Wie viele Leute machen dafür aktuell bei euch mit und aus welchen Bereichen kommen diese?

Wir wollen die Kapazitäten des Raumes bestmöglich ausnutzen. Also, dass der Raum möglichst wenig leer steht und möglichst viele Menschen ihn für sich nutzen können. Dafür planen wir bisher tagsüber vor allem offene bzw. halboffene Angebote, wie zum Beispiel ein Sprachcafé oder ein Frühstück für wohnungslose Menschen. Auch für Gruppentreffen, Beratungsangebote oder Workshops soll der Raum tagsüber zur Verfügung stehen. Abends soll neben klassischen Abendveranstaltungen auch Barbetrieb stattfinden, wo alle willkommen sind. Uns ist es wichtig durch regelmäßig stattfindende Angebote bzw. Öffnungszeiten eine zuverlässige Anlaufstelle zu etablieren. 

Wie oft wir den Raum öffnen können bzw. welche Angebote stattfinden werden, hängt am Ende auch davon ab, wie viele Menschen im Verein aktiv sind und welche Kooperationspartner*innen Kapazitäten haben den Raum für sich zu nutzen und mitzugestalten. Momentan sind wir um die 13 Menschen, größtenteils Studierende, aber auch Erwerbstätige. Wir freuen uns über Zuwachs und neue Kooperationen mit Initiativen oder Gruppen. 

Eure Projekte werden bestimmt nicht alle kostenfrei möglich sein, dazu kommt die monatliche Miete für den Laden. Wie finanziert ihr euch denn?

Als gemeinnütziger Verein sind wir auf Spenden angewiesen. Wenn genug Menschen monatlich 10 Euro spenden, kann eine stabile Basisfinanzierung des Ladens gewährleistet werden. Natürlich können nicht alle Angebote über Spenden finanziert werden. Vor allem für konkrete Projekte, die im Laden umgesetzt werden, schreiben wir teilweise gemeinsam mit Kooperationspartner*innen Förderanträge.

Ihr betont in eurem Konzept, dass in dem neuen Kiezladen kein Platz für Rassismus, LGBTQI*-Feindlichkeit, Antisemitismus, Sexismus, Antiziganismus, Islamfeindlichkeit, Faschismus oder Hetze sein wird. Das ist ein Statement! Habt ihr Bedenken, dass ihr am Hasselbachplatz damit alleine dastehen werdet oder euch Menschen anfeinden werden?

Durch den deutlichen Ausschluss von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, wollen wir Schutzräume für die Menschen ermöglichen, die im öffentlichen Raum oft einer Verletzung ihrer Würde ausgesetzt sind.

Auf der anderen Seite wollen wir die aktive Auseinandersetzung mit diesen Themen fördern und ermöglichen. Wir wollen einen gewaltfreien und respektvollen Austausch auch mit Menschen, die in ihrem alltäglichen Leben wenig Awareness integriert haben. Das ist keine leichte Aufgabe, aber eine sehr wichtige. Ich denke, dass viele Menschen viel offener sind, als wir glauben. Gerade der Hasselbachplatz ist ein sehr diverser Ort, an dem Menschen offen für einen solchen Begegnungsort sind. 

Ihr seid scheinbar klar politisch eingestellt. Seid ihr mit Parteien oder anderen parteinahen Initiativen vernetzt?

Ja, wir finden es wichtig, eine politische Haltung nach außen zu vertreten, die durch Aktionen und Projekte sichtbar wird. Um auf deine konkrete Frage einzugehen: Einzelne Vereinsmitglieder sind mit Menschen vernetzt, die einer Partei zugehörig sind. Jedoch verstehen wir uns im Verein als parteipolitisch unabhängiger Zusammenschluss von Menschen, die zum Teil in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv sind.

Zu guter Letzt: Wie können euch Menschen jetzt und auch zu einem späteren Zeitpunkt unterstützen? Wie können Interessierte mit euch ins Gespräch kommen?

Unterstützen können Menschen uns auf jeden Fall durch eine regelmäßige Spende. Dadurch bekommen wir finanzielle Stabilität. Aber auch eigene Ideen oder Möglichkeiten zur Vernetzung sind gerne gesehen. Vor allem wollen wir Menschen ansprechen, die von sozialen Ausschlüssen oder struktureller Benachteiligung betroffen sind. Wenn ihr eigene Projektideen habt, setzt euch mit uns in Verbindung. 

Erreichbar sind wir über unsere Social-Media-Kanäle oder über unsere Website. Ein offenes Plenum ist für Anfang Oktober geplant. 

Sandra, Tilman und Lea von der Initiative „platz*machen“ vor dem Laden in der Sternstraße. © Oliver Wiebe