Es ist ihnen egal, wo sie sind. Für sie ist es immer gleich. Sie sind stets gemeinsam unterwegs und bewegen sich in Hotelräumen. Alles, was darüber hinausgeht, bleibt ihnen verborgen. In ihrer Blase sind sie geschützt vor Gefühlen, kulturellen Einflüssen, dem Wandel in der Gesellschaft sowie Menschen, die nichts mit ihren Aufträgen zu tun haben. Öllers (Zlatko Maltar) und Niederländer (Uwe Fischer) sind taffe Unternehmensberater im Auftrag der Company auf dem Weg nach oben. Ihre Fassade besticht durch zynische Bemerkungen, die dazu beitragen sollen, sich von der Masse nach oben hin abzusetzen. Mit ihren 80er Jahre Anzügen scheinen sie aus der Zeit gefallen und veraltet im Vergleich zum futuristischen Outfit der neuen Kollegin Bianca (Léa Wegmann), deren Auftritt das bisherige System in Frage stellt (Kostüm: Josefine Marie Krebs). Sie ist jung, ambitioniert, möchte was verändern und die Welt zu einem besseren Ort machen. Lea Wegmann strahlt genau das aus und bringt Schwung in die Geschichte. Voller Esprit bildet sie den Gegenpol zur abgehalfterten, antiquierten Sicht auf die Dinge und spielt ihre Kollegen an die Wand. Trotzdem ihr Charakter naiv wirkt, ist sie diejenige, die sich nicht lumpen lässt von der Company. Doch was nützt all das interne Wissen, wenn draußen vor dem Hotel Bürgerkrieg ist …

Dominic Friedel’s Inszenierung von „Zeit der Kannibalen“ basiert auf dem gleichnamigen, deutschen Spielfilm, der vor fünf Jahren in die Kinos gekommen ist. Das Theaterstück erweitert die Vorlage um Textpassagen, die der Geschichte mehr Substanz geben. Durch das umfangreiche Spiel mit Metaphern und Verweisen entsteht ein tiefgreifendes, sprachbasiertes Theaterstück, das systemkritische Unterhaltung bietet (Dramaturgie: Laura Busch). Hinzu kommen verschiedene mediale Präsentationsmittel, die etwas überdosiert sind im spartanischen Bühnenbild der Raumstation Paradies, wo einseitig durchsichtige Spiegel, die Protagonisten auf sich zurückwerfen, während das Publikum Einblick bekommt in das Innere eines Unternehmensberaters (Bühne: Christiane Hercher). Was sie den Kunden präsentieren ist Maskerade und dient der Show. Dementsprechend sind die Darstellenden dezent geschminkte Gaukler oder wirken wie Alleinunterhalter (Lukas Paul Mundas am Piano).

„Zeit der Kannibalen“ ist ein zeitgenössisches Kammerspiel, das mit den Ansichten seiner Charaktere in Bezug auf gesellschaftliche Missstände der heutigen Zeit absurd wirkt – deshalb sind sie nicht minder real.

About Lydia Flössel

Lydia ist immer dabei, wenn es um Theater geht. Und Literatur. Und Musik. Und Kino. Kultur ist ein wichtiger Teil ihres Lebens und sie hat durch Magdeboogie die Chance bekommen, darüber zu schreiben. Gern hilft sie auch beim Abtippen von Interviews und ist mit Leidenschaft dabei, wenn es um die Frage geht: “Und wer bereitet das Protokoll für das nächste Redaktionstreffen vor?”.

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